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Epilog

Nik war ziemlich skeptisch, was die Fahrtüchtigkeit des Rollers anging, aber ich konnte ihn schließlich überzeugen hinter mir aufzusteigen. Ich war ziemlich überrascht, dass er nicht wieder absprang, als ich den Motor startete. Aber ich musste ihm vier mal sagen, dass er sich an mir festhalten sollte, damit er nicht herunter fiel. Es kränkte mich, dass er es am Ende nur mit Widerwillen tat.

Ich konnte eine ungeduldig wartende Serafina, die sich fast die Nase an der Fensterscheibe platt drückte, schon aus weiter Entfernung sehen. Kaum waren wir in die Auffahrt gefahren kam sie auch schon herausgerannt.

"Oh mein Gott! Ich bin so froh, dass ihr wieder da seid! Ist alles in Ordnung, ist jemand verletzt? Ist Evanadora..." Sie stockte.

"Wieder im Buch gefangen." Beendete ich ihren Satz, als ich vom Roller stieg. Nik sah aus, als wäre er hypnotisiert und würde gleich vom Roller fallen. Ich zog ihm leicht am Ärmel und er schaffte es abzusteigen.

"Wow. Das... Das ist großartig. Ich meine... Ich habe zwei Jahrhunderte lang versucht das zu erreichen und jetzt... Jetzt ist es geschafft." Sie lächelte und ich dachte schon, sie würde gleich in Tränen ausbrechen, aber sie beherrschte sich. Stattdessen bat sie uns herein.

Sie führte uns in die Küche und wies uns an, kurz zu warten. Dann verschwand sie hinter einer Tür und tauchte mit einer Flasche Sekt wieder auf.

"Das muss gefeiert werden." Meinte sie, lachte und reichte uns jeweils ein Glas. Sie schenkte sehr großzügig ein. Nik war fasziniert von der Kohlensäure in dem Getränk und beobachtete die aufsteigenden Bläschen so konzentriert, dass er ganz vergaß seine dämlichen Fragen zu stellen.

"Ich bin dir wirklich dankbar für das, was du getan hast." Sagte Serafina, "aber ich bin auch wirklich glücklich jetzt nach Hause zu können."

Ich antwortete nicht. Stattdessen fragte ich mich, wie ich die Welt wohl ab jetzt sehen würde, ab dem Zeitpunkt, an dem Nik wieder im Märchenbuch verschwunden wäre. Mein Verstand stellte fest, dass es ganz gut war, dass ich die Klamotten noch nicht bezahlt hatte. Aber etwas anderes in mir verkündete lauthals, dass es Lust auf Schokolade und tragische Liebesfilme haben würde. Ich kannte Nik noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden lang, aber ich wusste: er wird mir fehlen.

Um mich davon abzulenken wie dämlich und schmalzig das klang, trank ich mein Glas in einem Zug aus. Ich betrachtete die Wände, die orangefarbenen Schränke, stellte mir vor, was darin verstaut war, beobachtete den Sekundenzeiger der Uhr an der Wand und wartete geduldig ab, bis Serafina ihr Glas ebenfalls gelehrt hatte. Ganz kurz kam ein unangenehmes Schweigen auf.

"Lasst uns ins Wohnzimmer gehen." Wir folgten Serafina und Nik schwieg erstaunlicherweise noch immer.

"Hast du das Buch?" Serafina drehte sich vor dem Kamin zu mir um. Ich konnte Freude und Trauer in ihrem Blick sehen, aber ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, wie es war nach so langer Zeit nach Hause zurückkehren zu können. Vor allem in ein Zuhause, dass so anders war, als diese Welt. Ich holte das Buch aus meiner Tasche und hielt es mit beiden Händen fest.

"Gut." Serafina nickte, als wollte sie sich selbst Mut machen, "Sobald das Buch nicht mehr gebraucht wird, musst du es verbrennen, damit nicht noch mehr Märchenfiguren daraus hervorklettern können." Ich blickte in das prasselnde Feuer und nickte. Das machte Sinn. "Ich bin bereit." Serafina zögerte nur noch einen Bruchteil einer Sekunde, bevor sie die Hand auf das Buch legte und sofort verschwand.

Ich atmete tief durch und drehte mich zu Nik um. Eigentlich wollte ich nicht, dass er wieder ging, aber das hatte ich nicht zu entscheiden und das wusste ich. Nik sah das Buch lange an, bevor er den Mund aufmachte.

"Muss ich wirklich zurück?" Fragte er. Mein Herz machte einen Sprung, als die Hoffnung, er würde hier bleiben dummerweise in mir wuchs.

"Keine Ahnung. Aber ich muss das Buch auf jeden Fall verbrennen - ich habe echt keinen Bock, dass Evanadora wieder auftauchen könnte."

"Ich auch nicht." Gestand Nik, "Aber ich würde gerne hier bleiben. Diese Welt ist unglaublich und ich würde sie nur zu gerne sehen. Sie fasziniert mich - keine Kutschen, Strom, keine Anstandsdamen." Er sah mich an. "Ihre Menschen faszinieren mich." Er wurde rot und ich spürte, was er eigentlich hatte sagen wollen: du faszinierst mich. Schnell sah ich weg. Ich wollte nicht noch so eine peinliche Situation provozieren, wie die in der Bücherei.

"Wenn du bleiben willst... Dann musst du für immer bleiben." Nik sah mich an, dann das Buch und dann wieder mich.

"Dann bleibe ich für immer." Nik wandte sich ab. Ich betrachtete seine Silhouette und fragte mich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dann sah ich auf das Buch in meinen Händen und ich wusste, dass es die Entscheidung war, auf die ich gehofft hatte. Ich hielt die Luft an und tat das wohl Selbstsüchtigste, das je ein Mensch getan hat.

Ich warf das Buch ins Feuer.

 

 

 

 

 

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