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Akt 5

Na klasse. Da war er wieder: der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich zu viele Horrorfilme sah. In meinem Kopf liefen tausend verschiedene Szenen ab, die aber immer blutig, schmerzhaft und tödlich für mich endeten. Das war nicht unbedingt eine Hilfe bei meinem Versuch mich zu rationalem Denken zu zwingen. Rationales Denken! Ich wurde von einer zweihundert Jahre alten Hexe verfolgt, die irgendwie aus einem Märchenbuch entkommen war. Das war alles andere als ein rationales Problem.

Und dann wurde mir klar, dass Filme schauen nicht unbedingt etwas schlechtes war. Keine Ahnung in was für einem Film es gewesen war - vielleicht war es auch eine Serie - aber ich hatte einmal gesehen wie sich irgendein Held durch die Bücherregale hindurch schob, naja eher sprang. Und ich wusste bereits, dass diese Regale keine Rückwand hatten, also...

Ich holte tief Luft um mich für die Krabbelei bereit zu machen. Keine gute Idee, wie mir klar wurde, als ich einen schrecklichen Hustenanfall bekam. Meine Augen tränten, meine Lunge brannte und das Ausatmen tat komischerweise noch mehr weh als das Einatmen. Ich hörte wie sich Evanadoras Schritte beschleunigten - sie rannte jetzt und das konnte nur eins bedeuten: sie wusste wo ich war.

Mir ging also die Zeit aus und ich tat ausnahmsweise einmal etwas kluges. Ich dachte nicht lange nach, sondern holte ein wenig Schwung und hechtete auf eines der Regalbretter zu. Dabei schlug ich mir schwer das Knie an, aber ansonsten traf ich recht gut. Bücher purzelten auf der anderen Seite zu Boden und ich hinterher. Ich würde es sicher nicht weiterempfehlen, kopfüber aus einem Regal zu fliegen.

Das ganze machte natürlich noch viel mehr Lärm als mein Husten und Evanadora war noch immer hinter mir her. Ich sprang also auf das nächste Regal zu ohne auf mein pochendes Knie zu achten. Schmerzen spürte ich keine. So ging es Regal für Regal weiter und obwohl ich so schnell machte wie möglich, hatte ich das Gefühl, Evanadora würde aufholen.

Gerade wollte ich durch das nächste Regal springen, als ich aus dem Augenwinkel eine Gestalt wahrnahm. Als ich genauer hinsah, entpuppte sie sich als bewusstloser Nik, der an einer Stelle lag, an der der Rauch noch nicht ganz so dicht war. Überhaupt brannte hier weniger. Der Ausgang konnte nicht weit sein. Ich musste zu Nik und dann zum Ausgang - wir mussten hier raus. Aber Evanadora stand plötzlich da und versperrte mir den Weg.

"Jetzt habe ich dich." Sie lächelte breit, doch es wirkte unecht und boshaft. Ich wich zurück, fiel schließlich über die Bücher am Boden. Ich tat das einzige, was mir in diesem Moment einfiel um mich zu verteidigen und was ich vor kurzem als ziemlich dämlich erachtet hatte.

Meine Hände schlossen sich um die ersten zwei Bücher die sie erreichen konnten und schossen vor. Ich bewarf Evanadora schon wieder mit Büchern und wieder verfehlte ich sie weit.

"Hatten wir das nicht schon?" Fragte sie. Ich wich noch einmal zurück, schnappte nach weiteren Büchern und verfehlte noch einmal. "Glaubst du wirklich, das hilft noch etwas? Früher oder später geht dir die Munition aus. Wahrscheinlich eher früher." Sie kam immer noch näher und ich fragte mich, warum sie der Sache nicht einfach ein Ende bereitete. In einem letzten Aufruhr der Verzweiflung warf ich noch mal nach Evanadora. Und alle guten Dinge sind tatsächlich drei: dieses Mal traf ich. Evanadora sank stöhnend in sich zusammen, fiel zu Boden - und verschwand. Und mit ihr verschwanden der Rauch und das Feuer, die Bücher flogen zurück an ihre Plätze und die Türen entriegelten sich. Ihr Zauber war aufgehoben.

Ich rappelte mich auf und humpelte zu Nik hinüber. Er atmete flach und war noch immer nicht bei Bewusstsein - aber er atmete. Vor Erleichterung fiel ich ihm um den Hals. Wie in einer schlechten Seifenoper musste er natürlich in genau diesem Moment aufwachen. Und den passenden Text hatte er auch parat.

"Riciel! Du verlierst deine Contenance!" Beschwerte er sich und ich wich zurück, als er zu Husten begann. "Was ist passiert?" Wollte er irgendwann wissen.

"Evanadora hat dich wie geplant entführt, ich bin ihr gefolgt. Sie hat dich bewusstlos in diese Bücherei gebracht, wo ich schon auf sie gewartet habe. Du hast den Kampf verschlafen." Erklärte ich.

"Wo ist sie?"

"Ich habe sie mit einem Buch am Kopf getroffen und sie ist..." Erst jetzt wurde mir klar, dass ich Evanadora wohl kaum mit einem Buch getötet hatte. Also sah ich mich um, wachsam, um zu sehen aus welcher Ecke sie hervorkriechen würde. Aber da war nichts, nur ein einzelnes Buch, das noch immer aufgeschlagen auf dem Boden lag. Als ich näher hinging, sah ich, dass es das Märchenbuch war. Ich hob es auf, blätterte bis zu Dornröschen und stellte fest, dass Evanadoras Name wieder auf den Seiten stand und die böse Fee wieder in den Zeichnungen vorkam. Durch puren Zufall hatte ich sie mit dem Märchenbuch erwischt, wobei sie natürlich sofort wieder darin verschwand. Erleichtert und überrascht über so viel Glück schloss ich die Augen. Es war vorbei.

"Sie ist zurück im Märchenbuch." Sagte ich, als ich spürte wie Nik hinter mich trat.

"Wirklich?"

"Ja. Es ist vorbei." Ich drehte mich um und fiel ihm um den Hals. Dieses Mal ließ er es geschehen, legte sogar selbst die Arme um mich. Wahrscheinlich war es wieder nur pures Glück, dass ich ihn dabei nicht mit dem Märchenbuch streifte, dass ich noch immer in der Hand hielt.

Ich spürte ein Kribbeln an meinem Rücken dort, wo er mich berührte, spürte die warme Spur, die sein Atem an meiner Wange zurück ließ. Ich versuchte gar nicht mehr zu leugnen, dass ich ihn süß fand. Stattdessen ließ ich vorsichtig die rechte Hand mit dem Buch sinken, ließ es zu Boden fallen und wollte ihn küssen.

Doch dieser dämliche Idiot wich zurück. Ich presste die Arme an meine Seite, drückte die Lippen fest aufeinander und ballte die Hände zu Fäusten. Ich war mir sicher, dass ich puterrot anlief.

"Riciel, wie kannst du nur versuchen... Das würde deine Ehre beschmutzen!"

"Mein Name ist Ricki." Fauchte ich zurück, bückte mich und hob das Buch auf. Am liebsten hätte ich ihn einfach stehen lassen. Aber das brachte ich nicht ganz über mich. Stattdessen lief ich zur Tür, warf ihm ein bissiges "Komm" zu und stolzierte hinaus.

 

 

 

 

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