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Akt 4

Ja, ich weiß es war unhöflich sie auszulachen, aber mal ehrlich - eine Fee? Ich bin keine sieben mehr.

"Du glaubst nicht mehr an Märchen, oder?" Fragte Serafina.

"Nein," ich schüttelte den Kopf, "ich bin sechzehn und gehe auf eine Mädchenschule. Bei meinem Kleiderstil kann ich mir nicht auch noch leisten an Märchen zu glauben. Sonst bin ich die wenigen Freunde, die ich habe auch noch los." Traurig, aber wahr.

"Ja, aber du solltest dringend damit anfangen. Die Märchenfiguren hier brauchen nämlich deine Hilfe." Hmm, irgendwie wäre das lustiger, wenn sie nicht gelächelt hätte. Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich, Prinzessin Riciel, reite zu eurer Rettung? Bestimmt nicht.

"Wollt ihr etwas trinken? Ich habe Cola da." Sie winkte uns ins Wohnzimmer.

"Was ist Cola?" Fragte Nik. Er nervte. Serafina war viel normaler, irgendwie realer und deswegen auch glaubwürdiger. Oh Gott - ich sollte einen Psychiater aufsuchen, wenn ich einer Fremden glaubte, dass sie eine Fee war.

"Ein neumodisches Getränk. Wirklich lecker." Antwortete Serafina (endlich kannte ich jemanden, dessen Name so schrecklich altmodisch war wie meiner). Sie servierte uns und wies uns an, auf dem Sofa Platz zu nehmen, während sie selbst sich einen Stuhl heranzog. Ich trank einen Schluck. Noch mehr Koffein.

"Ich muss dir unsere Geschichte erzählen, damit du verstehst, was hier eigentlich los ist." Serafina stellte ihr Glas ab. Nik hatte schon fast das ganze Glas ausgetrunken. "Fang bitte nicht an zu lachen, ja? Es ist überaus wichtig, dass du mir zuhörst." Ich nickte, aber das konnte sie nicht sehen, weil sie etwas in einem Regal suchte. Als sie sich wieder umdrehte hielt sie eine große, blaue Schachtel in der Hand, die sie an mich weitergab, bevor sie sich wieder setzte. "Mach sie auf." Forderte sie, mit einem Lächeln im Gesicht und ihrem Glas in der Hand. Also hob ich vorsichtig den Deckel, in der halben Erwartung darunter einen Zauberstab oder so zu finden.

Stattdessen lag in der Schachtel ein Buch. Ein in braunes Leder gebundenes Buch. Erst als ich es heraus nahm, konnte ich den eingeprägten Titel erkennen. "Sammlung Grimmscher Märchen, 1807". Vorsichtig schlug ich es auf. Der Geruch von altem Papier stieg mir in die Nase. Ich dachte daran, wie mein Bruder mir diese Märchen früher immer vorgelesen hatte und lächelte. Doch Serafinas Stimme holte mich zurück in die Gegenwart.

"Das ist das Märchenbuch, aus dem wir hier her gekommen sind. Ich weiß nicht wie oder warum, aber ich weiß, dass es uns auch wieder zurück schicken kann. Wenn eine Märchenfigur das Buch berührt, wird sie zurück in die Geschichte gesogen. Deswegen brauchen wir deine Hilfe. Nur du kannst Evanadora dazu bringen, es zu berühren, ohne selbst verloren zu gehen. Ich habe die ersten hundert Jahre, die ich in dieser Welt gelebt habe, damit zu gebracht es zu finden. Und dann musste ich warten, bis Nikolai wieder aufwacht. Es ist ein großes Glück, dass wir mit dir schon jemanden gefunden haben, der uns helfen kann. Ich möchte zurück in meine Welt."

"Woah. Stopp. Ich habe noch nicht zugestimmt euch zu helfen. Außerdem ist das ziemlich schwer zu glauben. Märchenfiguren fallen nicht einfach aus Büchern heraus. Sie existieren gar nicht." Sagte ich. Was war eigentlich Evanadora für ein schrecklicher Name?

"Tut mir leid, ich habe vielleicht ein wenig zu weit vor gegriffen. Aber wir brauchen wirklich deine Hilfe. Diese Welt ist nicht unsere, und umso mehr Zeit ich hier verbringe, desto mehr habe ich das Gefühl... Dass meine Zauberkräfte schwinden. Ich verblasse allmählich." Serafina machte ein bekümmertes Gesicht und mein sarkastischer Verstand machte noch nicht einmal den Versuch, das ganze ins Lächerliche zu ziehen. Sie sah so ehrlich aus - also glaubte ich ihr.

"Na schön. Was muss ich tun?" Fragte ich.

"Du willst uns helfen?"

"Besser das, als das ich für den Rest meines Lebens ein schlechtes Gewissen habe. Oder mich mit ihm herumschlagen muss." Da war er wieder, der Sarkasmus. Ich war ganz froh, dass Nik gerade sein zweites Glas Cola austrank und deswegen nicht antworten konnte. Aber vermutlich hatte er sowieso nicht verstanden, dass ich von ihm redete. Serafina aber lächelte.

"Ich bin dir wirklich sehr dankbar. Ich habe auch schon eine Idee, wie wir Evanadora aus ihrem Versteck locken können." Sie sah mich bedeutungsvoll an. Es war wichtig, was sie sagen würde. "Wir werden Nik zu ihr schicken und den Beiden folgen." Nik spukte einen Teil der Cola wieder aus. Es tropfte von seiner Nase, was es mir noch schwerer machte, ihn ernst zu nehmen, als er sagte: "Ich soll mich gefangen nehmen lassen? Aber dabei könnte ich verletzt werden! Auf keinen Fall werde ich dem zustimmen." Er wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab und schüttelte ihn dann angeekelt. Ich nahm in aller Seelenruhe einen Schluck aus meinem Glas. Schielte schnell zu Serafina herüber und wusste, dass wir beide das selbe dachten.

"Ich denke, Nikolai, dass du keine Wahl hast." Daraufhin sagte er nichts mehr.

 

Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer war, jemanden zu verfolgen. In Filmen wirkte es immer ganz leicht. Die Figuren dort stiegen sogar in der U-Bahn in den selben Waggon und wurden nicht entdeckt. Ich musste Nik und Evanadora nur aus dem Laden hinaus folgen, im Parkhaus beobachten, in welches Auto sie ihn stieß, wieder nach oben rennen, Serafinas Roller starten und den silbernen Volvo an der Ampel wieder einholen. Aber ich wurde einfach das Gefühl nicht los, dass sie wusste, dass ich sie verfolgte.

Nach etwa zehn Minuten fuhr sie in ein privates Parkhaus. Ich fluchte und stellte den Roller auf der anderen Straßenseite ins Parkverbot. Auch egal. Dann betrat ich das niedrige, alte Gebäude.

Es war eine Bibliothek. Eine kleine, alte Bibliothek, in der sich in jede Ecke ein Regal drängte. Und in jedes Regalfach mindestens ein Buch zu viel. Hier roch es genau so, wie das Märchenbuch gerochen hatte, dass ich in einer Tasche bei mir trug. Ich hatte es vorher einmal durchgeblättert und war am Dornröschenmärchen hängen geblieben. Es war richtig gruselig gewesen. Dort wo Niks, Evanadoras oder Serafinas Name hätte stehen sollen, war nur weiße Fläche. Als hätte man sie ausradiert. Auch in den Illustrationen fehlten sie. Es war richtig eigenartig.

Noch viel eigenartiger kam mir aber vor, was ich hier tat. Ich meine, wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass die drei wirklich Märchenfiguren waren? Uns selbst wenn, wie sollte ich denn dann eine mächtige Hexe besiegen können? Evanadora wusste bestimmt, wie sie mich besiegen und sich das Buch zu eigen machen konnte ohne darin zu verschwinden. Die Bösen wissen so was immer.

Ich ging durch die Reihen der Regale, suchte nach weiteren Ausgängen, Treppen, Falltüren, Geheimverstecken. Ich fand nur eine einzige Tür und die führte in die Tiefgarage. Schon bald zog ich irgendein Buch aus dem Regal und begann zum Schein darin zu blättern. Ich bekam so wenig davon mit, dass es auch auf chinesisch hätte sein könne - ich hätte es nicht bemerkt. In einem Comic hätte ich es vermutlich falsch herum in der Hand.

Ich hörte, wie die Tür zur Tiefgarage aufging und etwas schweres über den roten Teppichboden gezogen wurde. Dann fiel sie wieder ins Schloss. Für einen Moment war es totenstill und dann wurde mir klar, dass die Tür nicht einfach ins Schloss gefallen war - jemand hatte sie abgeschlossen. Und das selbe Geräusch eines herumgedrehten Schlüssels war auch vom Haupteingang hinter mir gekommen. Jemand hatte mich eingeschlossen.

Ich ließ das Buch fallen und begann zu rennen. Ich rüttelte an der Tür, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Verschlossen. Hinter mir lachte jemand und ich fuhr herum. Mit dem Rücken zur Tür bot ich eine tolle Angriffsfläche für Evanadora. Sie stand nur etwa zwei Meter vor mir, sah mich an und lachte. Hinter ihr lag Nik bewusstlos auf dem Boden.

"Hast du wirklich gedacht, ich würde dich nicht bemerken, Riciel?" Ich konnte sie jetzt schon nicht ausstehen. Aber das Beste, das man tun kann, wenn man in Gefahr ist, ist sich dumm zu stellen. Mit etwas Glück meldet sich dann ein Beschützerinstinkt beim Gegenüber. Hoffte ich.

"Woher kennen Sie meinen Namen?" Fragte ich also ganz unschuldig zurück und versuchte so zu tun, als hätte ich Nik nicht gesehen.

"Ach bitte. Erspare uns das Geplauder. Wir wissen beide, weshalb du hier bist, und was du in der Tasche hast."

"Ich möchte noch mehr Bücher über Märchen ausleihen, für meine kleine Schwester. Woher wissen sie das?" Ich öffnete die Tasche und zog das Buch heraus. Wenn ich ganz schnell vorsprang, dann würde Evanadora das Buch vielleicht berühren und darin verschwinden...

"Aaah! Pack das sofort wieder ein du freches Gör'! Was fällt dir eigentlich ein dieses wertvolle Stück Magie einfach in bloßen Händen zu halten? Man sollte dich sofort auf dem Scheiterhaufen verbrennen!"

"Hier in meiner Welt, werden nur Hexen verbrannt!" Rief ich und tat das wohl dümmste, das ich in diesem Moment tun konnte: ich warf das Buch nach der Hexe. Die duckte sich weg und ich verfehlte Evanadora um Längen. Jetzt hatte ich kein Druckmittel mehr. Und keine Waffe. Und Nik war immer noch bewusstlos.

Evanadora lachte. "Und was willst du jetzt tun, Schätzchen?" Fragte sie. Ich rannte los.

Auf meinem Weg kreuz und quer durch die Bücherei zog ich überall Bücher aus den Regalen und warf sie hinter mir auf den Boden um Evanadora den Weg zu versperren. Allerdings schien sie das nicht zu behindern, denn sie war dicht hinter mir und feuerte irgendwelche explosionen-verursachende Bälle auf mich ab. Wenn sie an mir vorbei zischten stellten sich die Härchen auf meinen Armen auf und wenn sie hinter mir einschlugen stolperte ich und konnte mich oft gerade noch so vor dem Umfallen retten. Nach ein paar Minuten Hetzjagd ging mir langsam die Luft aus. Als ich mich umsah wurde mir auch klar warum: die Bücherei brannte.

Und ich stellte fest, dass Bücher sehr gut brannten. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Das Märchenbuch! Ich musste es finden. Aber in welcher Richtung war denn überhaupt der Eingang?

Der Rauch wurde immer dichter und ich musste husten. Ich versuchte mich zu orientieren, aber die Bücherei versank in Chaos. Nichts stand mehr an der selben Stelle wie zuvor. Also duckte ich mich so gut es ging unter dem Rauch weg und rannte in irgendeine Richtung. Keine Ahnung, wo Evanadora war. Außer dem Prasseln des Feuers konnte ich nichts mehr hören - keine Schreie, keine Schritte, kein Gelächter. Vermutlich war Nik noch immer bewusstlos.

Verdammt ich war in einer Sackgasse gelandet. Vor mir eine Wand, neben mir jeweils ein Bücherregal, hinter mir das Feuer und der Rauch. Ich drehte mich um, um mich irgendwie hindurch zu kämpfen, als ich Evanadora durch eine Lücke zwischen den Büchern erspähte. Sie kam genau auf mich zu.

 

 

 

 

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