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Akt 3

Seit wir das Einkaufscenter betreten hatten, hatte Nik seinen Mund nicht mehr zu. Das verlieh ihm ein leicht dümmliches Aussehen, aber die Mädchen drehten sich trotzdem zu ihm um und tuschelten. Ich sah ihn kaum an. Ich hatte Angst sonst laut loslachen zu müssen wegen seinem Gesichtsausdruck - oder noch schlimmer: ihm genauso dümmlich anzuhimmeln wie die anderen Mädchen. Das wollte ich auf keinen Fall riskieren.

Als erstes brauchte ich Koffein. Also ging ich in mein Lieblingscafé mit Nik. Ein paar Mädchen beobachteten neidisch wie wir uns setzten.

"Was darf es sein?" Fragte die Bedienung höflich an Nik gewandt, für den Fall er wollte mich einladen. Der hatte aber natürlich mal wieder keine Ahnung, was sie von ihm wollte.

"Zwei Milchkaffee." Antwortete ich an seiner Stelle. Die Bedienung nickte nur und ging davon.

"Mach endlich den Mund zu, sonst fliegen Fliegen rein." Sagte ich schließlich zu ihm. Sofort schloss er den Mund.

"Das... Das ist alles so groß. Und es sind so viele Menschen hier." Sein Kopf wanderte von rechts nach links und zurück. Ich sah mich ebenfalls um. Das Einkaufszentrum war so gut wie leer. Und dann sah ich Joe, eine Freundin von mir, die gern und viel redete. Ich versteckte mich hinter der Getränkekarte, in der Hoffnung sie würde mich nicht sehen. Sie ging vorbei. Glück gehabt. Und dann kam unser Milchkaffee. Ich packte zwei Stück Zucker hinzu und trank einen Schluck. Ich verbrannte mir die Zunge, aber das war egal: ich liebte Kaffee und in diesem Moment hatte ich wirklich einen nötig.

Nik verzog das Gesicht als er sich über seine Tasse beugte. "Was ist das? Es riecht... Ungebührlich." Ich hatte das Gefühl, er hätte sich verkniffen "Es stinkt." Zu sagen. Ich wünschte er hätte es getan.

"Kaffee." Gab es Anfang des neunzehnten Jahrhunderts noch keinen Kaffee? "Probiere mal, das wird dir gut tun." Er sah zwar skeptisch aus, hob die Tasse aber zu den Lippen um an dem Getränk der Götter zu nippen, wobei er den kleinen Finger altmodisch abspreizte. Hoffentlich sah das keiner. Und wenn doch würde er hoffentlich denken Nik hätte eine Wette verloren oder so.

"Das ist ganz bitter." Meinte er schließlich. Ich schob ihm die Zuckerwürfel zu.

"Dann tu ein bisschen Zucker dazu, rühr um und probier noch mal."

"Das ist Zucker?" Er starrte die Schale entgeistert an. "Diese Schale muss ein Vermögen wert sein! Kannst du dir das leisten?"

Ich seufzte. "Weißt du, heute gibt es Flugzeuge, die den Zucker billig importieren können. Deswegen ist er jetzt gar nicht mehr so teuer." Ich biss mir auf die Zunge. Verdammt jetzt würde er gleich fragen...

"Was sind Flugzeuge?" Hab ich es nicht gesagt?

"Das sind so riesige Maschinen mit denen Menschen fliegen können. Es gibt Flughäfen wo sie landen und starten, aber ich weiß nicht, wie das funktioniert." Erklärte ich.

"Würdest du mir so einen Flughafen mal zeigen?"

"Vielleicht." Ich lächelte. In Zukunft vielleicht. Als er immer noch nichts tat, sondern mich anstarrte als hätte ich den Verstand verloren, ließ ich zwei Stück Zucker in seinen Kaffee fallen. "Probier noch mal." Er nippte an seinem Getränk.

"Besser." Entschied er. Ich entschied, ihn zu einem Kaffee-Liebhaber zu erziehen.

Als wir ausgetrunken hatten, bezahlte ich. Nik starrte das Geld an, als wäre es was besonderes. Ach ja, richtig: im 19. Jahrhundert gab es den Euro noch nicht. Wahrscheinlich war er noch mit tauschen groß geworden - zwei Kaffee = ein halbes Huhn oder so. Ich gab ihm ein paar Scheine und Münzen. "Damit bezahlen wir heute," sagte ich, während wir zu einem Klamottenladen liefen, "das ist unser Geld. Es nennt sich Euro und ist... Wertvoll. Das heißt: nicht kaputt machen." Er nickte und ich zeigte ihm, dass er es falten konnte um es in seine Jeanstasche zu stecken. Er wird schon vorsichtig sein.

Als wir den Laden betraten, verzog Nik schon wieder das Gesicht. Ich sah mich um - ganz automatisch hatte ich den Lieblingsladen meines Bruders gewählt. Wenn er auch nur ein Wort sagte...

"Was ist das denn?" Fragte er und zeigte auf einen Kapuzenpullover. Aaaaaaargh!

"Das nennt sich Pullover. So was trägt man heute." Ich zog ihn zu den Umkleiden. "Sitz." Sagte ich und zeigte auf einen Hocker in einer der Kabinen. "Und keinen Mucks." Dann suchte ich ihm ein paar Klamotten zusammen. Dabei versuchte ich nicht auf den Preis zu achten, denn ich wusste, dass ich mir den kommenden Einkauf eigentlich nicht leisten konnte. Am Ende hatte ich einen ganzen Berg im Arm, über den ich kaum noch drüber schauen konnte."

Ich drückte Nik den Stapel in die Hand. "Anprobieren." Kommandierte ich und zog den Vorhang zu. Das würde er schon schaffen. Nach jedem Umziehen zeigte er sich, vielleicht wollte er mich besänftigen. Als wir durch waren sagte ich: "Und jetzt such dir die Sachen raus, die dir gefallen." Er verzog schon wieder das Gesicht. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er gucken würde, wenn er den schrecklichen Auflauf meiner Tante essen müsste. Ich verkniff mir ein Grinsen.

"Kann ich nicht lieber meine alten Klamotten..." Schlug er vor.

"Nein auf keinen Fall." Unterbrach ich ihn. Das kam ja wohl nicht in die Tüte, dass er so herumlief, wie ich ihn gefunden hatte. Er seufzte und suchte sich zwei Hemden und eine schwarze Hose raus. Für meinen Geschmack ein bisschen zu brav, aber ich musste auch zugeben, dass es ihm hervorragend stand... Halt, stopp. Ich hängte den Rest zurück. Dann gingen wir zur Kasse um zu bezahlen. Ich hatte ihm den Kommentar zu dem Kapuzenpullover (den mein Bruder zufällig besaß) noch nicht verziehen, und ignorierte seine Frage nach der Musik (die er "Krach" nannte - hallo, es lief gerade Linkin Park!).

"Kannst du mir bitte das Geld geben?" Fragte ich ihn. Er fischte es mit einer lässigen Bewegung aus der Hosentasche - wo hatte er denn das gelernt? Dann sah er die Verkäuferin an. Ich dachte mir nichts dabei, als er hart schluckte, immerhin war sie ziemlich hübsch. Na gut, nichts war gelogen. Aber meine sadistischen Gedanken richteten sich weniger gegen Nik als gegen die Verkäuferin. Aber dann rannte Nik davon. Einfach, ohne ein Wort, aus der Tür hinaus auf den Gang. Ich stutzte, dann sagte ich zu der Verkäuferin: "Können sie das bitte zurück legen? Danke!" Und dann rannte ich Nik hinterher. Ich hatte ihn auch schnell eingeholt, weil er rannte wie ein Pinguin auf Stöckelschuhen (sah echt witzig aus).

"Was soll das?" Fragte ich ihn, als er immer noch nicht anhielt.

"Ich erinnere mich jetzt wieder!" Aha, sehr aufschlussreich.

"Woran?" Puh, ich sollte dringend wieder öfter joggen gehen.

"An die letzten Stunden bevor ich eingeschlafen bin." Toll. Ja und? Konnte er sich nicht mal klar ausdrücken?

"Und was war bevor du eingeschlafen bist?" Endlich, er wurde langsamer.

"Ich erinnere mich an die Frau, die dem Schneider geholfen hat, die Kleider für mich zu nähen. Sie hat mich drei Mal mit ihrer Nadel gestochen." War das im Märchen nicht eine Spindel und drei Tropfen Blut oder so?

"Ja, und?"

"Es war die Frau aus der Schneiderei von gerade eben." Meinte er das ernst? Ich sah ihm ins Gesicht. Er meinte es ernst. Ich musste schon wieder lachen. Irgendwann sogar stehen bleiben um mir den schmerzenden Bauch zu halten.

"Das ist nicht witzig!" Nik stampfte mit dem Fuß auf wie ein beleidigtes Kleinkind, was mich natürlich noch mehr zum lachen brachte. "Ich befehle dir, dass du sofort damit aufhören sollst!" Langsam ging mir die Luft aus, also versuchte ich mich zu beruhigen und atmete tief ein.

"Okay. Das soll also heißen die Verkäuferin ist die böse Fee?" Ich gluckste schon wieder los. Das war einfach zu komisch.

"Ja!" Er meinte es wirklich ernst. Ricki, dieser Kerl war nett zu dir, versuch ihn nicht auszulachen. "Da! Da ist sie!" Schrie er zeigte hinter mich und rannte schon wieder los. Ach verdammt. Ich sah mich um. Tatsächlich. Die Verkäuferin aus dem Laden kam direkt auf mich zu. Es war ein dummer Reflex, aber ich drehte mich um und rannte Nik durch das Gewirr der Straßen unserer kleinen Innenstadt hinterher. Ich verlor ihn immer wieder aus den Augen, aber dann tauchte er plötzlich wieder auf, als er irgendwelche Touristen umstieß. Wenigstens war mein Weg so schon mal frei. Dann bog Nik in eine kleine Straße ein.

"Warte, Nik! Nein! Das ist eine..." Ich stand hinter ihm. "... Sackgasse."

"Warum geht es hier nicht weiter?" Weil wir vor einer Mauer stehen, du Idiot. Es war genau wie in diesen schlechten Horrorfilmen, in denen die Menschen vor den Zombies flüchteten, am Ende in einer Sackgasse landeten, und schließlich zwischen ein paar Mülltonnen gefressen wurden. Ich hörte schnelle Schritte näher kommen. Gleich würde die Verkäuferin um die Ecke kommen und...

"Schnell ihr zwei, hier rein!" Neben uns war eine Tür geöffnet worden. Eine kleine, junge Frau mit hellblonden Haaren winkte uns zu sich. Wir überlegten nicht lange sondern folgten ihrer Aufforderung. In dem Moment, als sie die Tür hinter uns schloss, bog die Verkäuferin um die Ecke. Wir standen mit angehaltenem Atem in der dunklen Wohnung und warteten, bis sie wieder fort war.

"Wir sind ihnen sehr dankbar für ihre Hilfe." Meinte ich schließlich, als mir das Schweigen zu peinlich wurde. Anstatt zu antworten, machte die Frau das Licht an. Wir befanden uns in einer schönen großen Wohnung, die heller war, als ihre graue Außenfassade vermuten ließ.

"Mein Name ist Serafina. Ich bin..." Begann sie, doch Nik schien seine guten Manieren vergessen zu haben und unterbrach sie: "Ich kenne dich! Du bist meine Patentante!" Ja, sicher. Weil sie auch bestimmt zweihundert Jahre alt war. Sie sah eher aus wie zweiundzwanzig. Ich unterdrückte ein Kichern.

"Ja, Nikolai." Ach verdammt. "Ich bin froh dass ihr entkommen seid."

"Soll das heißen, die Verkäuferin ist wirklich die böse Fee?" Fragte ich. Plötzlich war das überhaupt nicht mehr witzig.

"Ja, leider." Serafina seufzte. Das war doch alles nicht real.

"Jetzt sag bloß noch, dass du die gute Fee bist, die den Fluch abgeschwächt hat."

"Ja, die bin ich." Sie sah mich ganz ernst an und ich fing schon wieder an zu lachen. Morgen hatte ich bestimmt Bauchmuskelkater.

 

 

 

 

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