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Akt 2

Vor meinem Haus blieb ich stehen. Nik sah erstaunt an den Wänden hinauf.

"Das ist ein sehr großes Haus für eine Bauersfrau." Meinte er erstaunt. "Und es hat kein Strohdach."

"Heutzutage ist das ein ganz normales Haus, klar?" Ich war etwas gereizt, weil ich meine verdammten Schlüssel schon wieder nicht fand. Im Haus neben an öffnete sich die Tür. Erst schenkte ich dem keine Beachtung, aber dann sprach Timo mich an.

"Na, hast du dem Theater seine Requisiten geklaut, Riciel?" Fragte er.

"Halt die Klappe, Timmy." Ich hatte meine Schlüssel gefunden. Ich war froh, dass Nik nichts sagte, aber vermutlich hatte er Timos Aussage sowieso nicht verstanden. Timmy war 13 Jahre alt und eine totale Nervensäge. Er wusste, dass ich es hasste mit meinem richtigen Namen angesprochen zu werden und tat es deshalb so oft wie möglich.

"Ach komm schon. Sei nicht immer so fies zu kleinen Jungs wie mir."

"Verzieh dich." Ich hatte die Haustür endlich aufbekommen und zog Nik hinter mir in den Flur. Dann schlug ich Timo die Tür vor der Nase zu.

"Riciel?" Fragte Nik.

"Das ist mein richtiger Name, aber ich hasse ihn. Er ist so schrecklich altmodisch und großspurig und überhaupt ganz grässlich." Antwortete ich. Bis heute hatte ich nicht verstanden, wie meine Eltern auf diesen Namen gekommen waren. Mein Bruder hatte einen normalen Namen: Alex. Aber ich musste ja unbedingt Riciel heißen.

"Ich finde ihn sehr schön." Meinte Nik.

"Das ist doch der beste Beweis." Ich ging in die Küche. "Ehm. Ich lass dich für zwei Minuten allein um dir Klamotten von meinem Bruder zu holen. Und vielleicht ein Abschminktuch. Schaffst du es für diese Zeit nichts anzufassen?"

"Na hör mal! Ich bin kein Kind mehr!" Jaja. Ich wollte es ja nur gesagt haben. Wortlos machte ich mich davon. Im Zimmer meines Bruders war es wie immer stockdunkel. Ich machte Licht und ging zum Kleiderschrank. Er war so gut wie leer, weil mein Bruder quasi alle seine Klamotten mitgenommen hatte, aber ich fand noch ein weißes T-Shirt mit Aufdruck, schwarze Jeans und ein paar Chucks. Hoffentlich hatte Nik die richtige Schuhgröße. Auf dem Rückweg in die Küche schnappte ich mir noch zwei Abschminktücher im Bad.

Als ich ihn die Küche kam stand Nik vor dem Kühlschrank und hielt seine Hand hinein. Ich legte die Klamotten auf den Tisch und trat hinter ihn.

"Es ist ganz kalt in diesem Schrank." Stellte er fest.

"Das soll es auch sein, immerhin ist es ein Kühlschrank." Wie lange gab es eigentlich schon Kühlschränke - oder Strom überhaupt?

"Wie funktioniert das? Wozu ist es gut?"

"Es hält die Lebensmittel länger frisch. Woher soll ich bitte wissen, wie es funktioniert? Frag meinen Physik-Lehrer, der weiß es bestimmt."

"Wann kann ich ihn fragen?"

"Wenn du... Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst nicht so viele Fragen stellen?"

"Doch, aber..." ich wandte mich ab.

"Das sind die Klamotten. Die wirst du dir wohl selbst anziehen können, oder?" Ich wartete seine Antwort nicht ab. Stattdessen drückte ich ihm die Abschminktücher in die Hand. "Und mach dir vorher das Gesicht sauber. Vergiss außerdem nicht die Perücke abzunehmen. Die lässt dich aussehen wie den toten Großvater meiner Cousine. Ich bin nebenan, komm einfach rüber wenn du soweit bist." Mit diesen Worten ließ ich ihn stehen um ins Wohnzimmer zu gehen. Dort fiel ich aufs Sofa. Was hatte ich mir da mit diesem Kerl nur eingehandelt? Der war doch total krank! Ich mein das Märchen von Dornröschen war schon immer das einer hübschen Prinzessin gewesen und nicht das eines begriffsstutzigen Herzogs in Strumpfhosen. Tief durchatmen Ricki. Vielleicht wurde es ja ganz lustig mit ihm. Aus der Küche war nichts zu hören, aber ich ging nicht nachsehen. Er würde sich ja wohl allein umziehen können.

"Ist das so richtig?" Fragte Nik, als er in der Tür auftauchte. Er trug die Turnschuhe, die Jeans und das T-Shirt. Er hatte das T-Shirt in die Hose gesteckt, und ich musste schon wieder ein Lachen unterdrücken. Ich sagte ihm, was er falsch gemacht hatte. Er sah zwar etwas skeptisch aus, tat aber, was ich ihm geraten hatte. Und er sah gar nicht so schlecht aus. Er war groß, muskulös. Seine Hautfarbe war ohne Make-Up gesund, sogar leicht gebräunt. Seine Haare waren dunkelbraun und hingen wirr um seinen Kopf herum. Aber in einer Art von Wirr, die total gut und gewollt aussah. Manche Models würden stundenlang in der Maske sitzen um so auszusehen.

"Wow." Entfuhr es mir leise.

"Was heißt Wau?" Fragte Nik.

"Nicht so wichtig. Emm... Was willst du sehen?" Ich versuchte ihn abzulenken.

„Alles.“ Seine Augen leuchteten. Welch präzise Angabe.

„Okay, was hältst du davon, wenn wir im Einkaufcenter anfangen?“

„Was ist ein Einkaufcenter?“

„Das ist so ein großes Gebäude mit ganz vielen Läden und da kann man lauter Kram kaufen und Leute treffen und Kaffee trinken...“ Koffein war genau das, was ich jetzt brauchte.

„Das klingt sehr amüsant.Würdest du mich dorthin geleiten?“ Bald würde ich ihm eine scheuern, wenn er so weiter redete, ich sah es kommen.

„Natürlich, und jetzt halt die Klappe.“ Ich stand auf, schnappte mir sein Handgelenk und zog ihn mit.

„Welche Klappe?“ Aaaaaaaaaarrrrrrgh!!! Als wir bei meinem Skateboard ankamen, fiel mir auf, dass wir das unmöglich zu zweit fahren konnten. Dann mussten wir eben den Bus nehmen. Der kam in sieben Minuten.

 

Der Bus kam. Ich stieg ein.

"Zwei mal zum Einkaufcenter bitte." Ich zählte das Geld ab und legte es hin.

"Zwei mal?" Der Busfahrer sah mich an.

"Natürlich."

"Dann sag dem Kerl er soll endlich einsteigen. Ich bin schon spät dran." Er tippte in seinen Computer und die Tickets wurden gedruckt. Ich drehte mich um und sah, wie Nik vor der Tür stand und mit großen Augen den Bus anstarrte. Hatte er eine Kutsche mit vier Pferden erwartet? Ich verdrehte die Augen, packte sein Handgelenk und zog so stark daran, dass er in den Bus stolperte. Dann nahm ich die Fahrkarten und zog ihn hinter mir her durch den Bus. Er sah sich die ganze Zeit erstaunt um und zuckte zusammen, als eines der Mädchen seinen Blickkontakt suchte und die Beine übereinander schlug. Dumme Ziege.

Ich ließ mich auf einen der hintersten Plätze fallen und zog Nik neben mich.

"Guck nicht so dumm wie ein Auto!" Er starrte mich verständnislos an. Natürlich er wusste ja nicht was ein Auto war.

„Ein Auto ist wie eine Kutsche. Nur ohne Pferde. Und etwas schneller. Es fährt mit einem Motor und äh... Keine Ahnung wie der funktioniert. Das hier ist ein Bus. Eine Art öffentliches Auto, in das jeder einsteigen darf.“ versuchte ich zu erklären. Als der Bus anfuhr zuckte er zusammen, sagte aber nichts.

„Wie unhygienisch!“ Ach herrje, hoffentlich fiel er nicht in Ohnmacht. Wenigstens stellte er keine weiteren dummen Fragen. Die anderen Mädchen im Bus – zwei Stück um genau zu sein, und die schienen auch noch beste Freundinnen zu sein (uäääh), da sie dieselbe Flechtfrisur hatten – tuschelten die ganze Zeit miteinander und schielten zu Nik herüber. Hin und wieder lachten sie auch laut auf und warfen einen Teil ihrer Haare zurück. Arrogante Zicken. Nik ignorierte sie würdevoll, was ihnen ganz recht geschah. Anscheinend sah er noch besser aus, als ich im ersten Moment gedacht hatte.

Da er auf der anderen Seite gespannt aus dem Fenster sah und die vorbeihuschenden Bäume beobachtete, konnte ich ihn in Ruhe betrachten. Er hatte ein spitzes Kinn, das aber nicht unvorteilhaft hervorsprang. Seine Nase war gerade, vielleicht ein wenig klein für sein Gesicht. Seine Lippen waren sogar von der Seite erstaunlich rot. Und der Leberfleck unter seinem rechten Auge – der wie ich jetzt erkannte, echt war und kein Schönheitspflästerchen – war der einzige Makel seiner reinen Haut. Seine grauen Augen blickten aufmerksam. Immer wieder fielen im die Haare hinein und er warf sie mit einer lässigen Bewegung zurück. Was die beiden anderen Mädchen regelmäßig als Anlass für entzückte Seufzer sahen. Als Nik den Kopf wandte blickte ich schnell nach vorn.

„Wo fahren wir hin?“ fragte er. Vorsichtig sah ich ihn wieder an. Er schien nicht bemerkt zu haben, dass ich ihn beobachtet hatte und wenn, dann lies er es sich nicht anmerken.

„Ins Einkaufcenter, habe ich doch schon gesagt.“

„Das ist wahr. Was gedenken wir dort zu tun?“ Ich ballte die Hand im Schoß zur Faust um ihm keine zu klatschen.

„Wir werden Kaffee trinken gehen. Vielleicht eigene Klamotten für dich besorgen.“

„Gibt es dort gute Schneider?“

„Ja, Ausgezeichnete. Wir können das selbe T-Shirt sofort zehn Mal kaufen. Keine Wartezeiten.“ Ich verdrehte die Augen, aber diese Geste kannte er vermutlich nicht.

„Keine Wartezeiten? Das ist unmöglich!“

„Ist es nicht.“ Er stellte noch ein paar weitere Fragen, aber ich ignorierte ihn.

Als wir am Einkaufscenter hielten, packte ich Nik gleich an der Hand anstatt zu warten bis er von allein aufstand. Als wir an dem Schnepfen vor uns vorbei liefen, hielt ich unsere verschränkten Finger demonstrativ in die Höhe. Sofort schnappten ihre Münder zu und sie funkelten mich böse an. Nik bekam davon nichts mit - sein Blick war schon ganz gefesselt von den Leuchttafeln an der Außenseite des Einkaufscenters.

"Was ist das?" Fragte er, als wir direkt davor standen.

"Werbung." Antwortete ich. Er wollte schon die nächste Frage stellen, aber ich unterbrach ihn. "Nein. Ich weiß nicht wie es funktioniert. Ich weiß auch nicht, wie Licht funktioniert oder eine Heizung."

"Aber..." setzte er an.

"Nein. Stell einfach keine Fragen mehr." Hoffentlich hielt ihn das für eine Weile still.

Wir betraten das Gebäude.

 

 

 

 

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