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Ricki und der Trottel in Strumpfhosen

 

 

Akt 1

Linkin Park tönte eigentlich schon viel zu laut in meinen Ohren, aber ich stellte noch lauter als mein Lieblingslied kam. Leise und so konzentriert sang ich mit, dass ich erst gar nicht bemerkte, dass das Tor offen war. Erst 10 Meter weiter sprang ich von meinem Skateboard und rannte zurück. Tatsächlich. Das Tor war offen. Das Tor zu dem Haus. Dieses Haus stand schon seit über 20 Jahren leer, sagte mein Vater immer. Als wir noch kleiner waren, hatten ich und mein Bruder geglaubt es würde darin spuken. Es war immerhin ein perfektes Geisterhaus. Alt, fast schon eine Ruine, riesengroß mit einem Garten so groß wie ein Park und auf einer kleinen Anhöhe gelegen. Bis vor 200 Jahren hatte dort die herzogliche Familie von Wittenberg gelebt, aber dann waren sie gruseligerweise von einem auf den anderen Tag verschwunden. Mein Bruder hatte immer behauptet, dass wir eines Tages nachsehen würden, ob es wirklich spukte in dem Haus. Heute war mein Bruder ausgezogen um zu studieren und ich glaubte nicht mehr an Geistergeschichten.

Ich wusste nicht, was es war, dass mich zurück zu dem Tor zog und mich hindurchgehen lies. Ich wusste auch nicht, warum es so gruselig war, nachdem ich Linkin Park mitten im Refrain das Wort abgeschnitten hatte. Ich sah durch das dichte Blätterdach hinauf zur Sonne und dachte mir, dass in Gruselfilmen nie die Sonne schien. Ich ging den alten Weg entlang bis zum Haus. Die Tür war offen.

Ich stellte mein Skateboard neben die Tür. Was ich hier machte war Hausfriedensbruch. Aber galt das überhaupt, bei einem Haus das niemandem gehörte? Ich atmete tief durch und ging hinein. Hinter mir schloss ich die Tür, nur damit sie nicht von selbst zufallen konnte. Ich befand mich in einer riesigen, verstaubten Eingangshalle. Ich ging den roten Läufer entlang zu der großen Treppe und musste niesen, als ich dabei Staub aufwirbelte. Ich erschrak und hielt den Atem an, aber es waren keine Gespenster zu sehen. Warum sollten es auch? Es gab keine Gespenster. Ich sollte nicht so viele Horrorfilme schauen. Ich ging die Treppe nach oben. Jede einzelne Stufe knarrte als würde sie gleich unter mir einbrechen.

Oben war es viel heller als unten. Es gab einen langen Gang, von dem viele Zimmer abgingen. Am einen Ende war die Treppe – und ich – am anderen ein großes Fenster, das den Blick in die Baumwipfel freigab. Ich ging den Gang entlang. Nicht eine einzige Holzdiele knarrte hier. Erst vor der einzigen offenen Tür blieb ich stehen. Sie war nicht direkt offen im Sinne von ich wusste was dahinter war, aber sie war nur angelehnt. Ein kleiner Spalt war frei – was nicht viel half, da ich nur Dunkelheit sah. Es war totaler Irrsinn, aber ich stieß die Tür auf. Dann zuckte ich zusammen als ich kurz wieder an Horrorfilme dachte und mir vorstellte, wie mich ein Zombie ansprang. Aber es blieb ruhig. Noch nicht einmal die Angeln der Tür quietschten. Ich wollte warten, bis meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, aber ich war so neugierig, dass ich das Zimmer betrat sobald ich die schweren Vorhänge auf der anderen Seite entdeckte. Ich lief hindurch und zog sie auf. Dann drehte ich mich um, um mich umzusehen.

Ich war in einem Schlafzimmer. Einem riesigen Schlafzimmer. Es gab einen Kleiderschrank, der die gesamte rechte Wand einnahm. Neben mir stand ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Und an der linken Wand stand ein riesiges Himmelbett. Und auf dem Himmelbett lag jemand. Ich schrie. Der Jemand bewegte sich nicht. Vielleicht war er tot. Aber Tote hätten bestimmt eine ungesündere Hautfarbe. Vielleicht war es eine Wachsfigur. Genau. Das musste es sein: nur eine Wachsfigur. Ich lachte schrill über mich selbst. Der Jemand bewegte sich immer noch nicht. Die Wachsfigur. Ich ging näher heran. Es war ein Junge. So um die 16, so wie ich. Er trug Make-Up. Und eine Perücke. Ich unterdrückte ein weiteres Lachen. Dann beugte ich mich über ihn um ihn genauer zu betrachten. Er hatte die Augen geschlossen. Ich spürte, wie mich etwas an der Wange kitzelte. Ich dachte erst es seien meine Haare, aber als ich versuchte sie zurückzustreichen war da nichts. Ich realisierte, dass es der Atem des Jungen sein musste, der mich kitzelte. So ein Quatsch. Wachsfiguren atmeten schließlich nicht. Oder schlief derjenige vielleicht nur? Aber dann wäre er bei meinem Geschrei bestimmt aufgewacht. Es war eben doch nur eine Wachsfigur.

Die Wachsfigur öffnete die Augen.

Ich schrie. Dieses Mal noch lauter als vorher. Die Wachsfigur setzte sich auf. Ich stolperte zurück bis ich die Wand im Rücken spürte. Scheiße. Jetzt befand sich dieser Psychopath zwischen mir und der Tür. Ich schrie immer noch.

„So schreit doch nicht so!“ rief die Wachsfigur. Ruckartig hielt ich die Klappe.

„Viel besser. So wollt ihr mir vielleicht euren Namen verraten?“ Der Junge sah mir ins Gesicht.

„Ri-Ricki.“ murmelte ich. Er hatte mich gehört. Dann glitt sein Blick an mir herunter. Er verdeckte seine Augen.

„Wie könnt ihr es wagen in einer solchen Kluft vor mir aufzutreten? Geht euch sofort etwas ehrenhaftes anziehen!“ Ich sah an mir herunter. Ich trug meinen knielangen schwarzen Rock, das schwarze T-Shirt mit den angedeuteten roten Sternen in der linken unteren Ecke, meine rot-schwarz karierten Halbhandschuhe und meine ausgelatschten roten Sneakers. Insgesamt mein Lieblings-Outfit.

„Das ist mein Lieblings-Outfit!“ empörte ich mich.

„Outfit? Was soll denn das sein?“ Der Typ verarschte mich doch.

„Na, meine Lieblings-Klamotten eben.“ antwortete ich leicht irritiert, als er nichts mehr sagte.

„Das nennt ihr Klamotten?“ Er sah mich wieder an.

„Ja?“ Was sollte es sonst sein?

„Na, sei es drum.“ Er schüttelte den Kopf und sah mir strikt in die Augen, anstatt auf die Beine. „So hättet ihr, Ricki, die Güte eines meiner Zimmermädchen zu rufen? Ich würde mich gerne ankleiden.“ Während er sprach, stand der Typ auf. Er trug so altmodische Sachen. Eine Clownshose, ein Hemd und einen Umhang. Und noch schlimmer Strumpfhosen. „Wie ich sehe, muss ich in meinen Klamotten geschlafen haben.“

Ich hielt es nicht mehr aus. Ich fing an zu lachen. Und ich lachte und lachte und lachte und konnte nicht mehr aufhören, da ich jedes Mal wieder lachen musste, wenn ich ihn ansah.

„So möget ihr mir vielleicht verraten, was ihr so amüsant findet?“ Er sah mich entrüstet an.

„Dich.“ brachte ich hervor und lachte noch mehr.

„Mich? Wie könnt ihr es wagen so mit mir zu sprechen, Magd? Ich bin Nikolai Friedrich Ludwig von Wittenberg. Niemand spricht so mit mir! Und schon gar keine einfache Bauersfrau!“

Ich sah ihn an. Er hatte sich gerade als den ältesten Sohn des letzten Herzogs von Wittenberg bezeichnet. Ich lachte wieder los.

„So hört sofort auf zu lachen!“ Er runzelte die Stirn, als ich nicht gehorchte. Mittlerweile tat mir vor Lachen schon der Bauch weh. Ich setzte mich auf einen der Stühle um mich zu beruhigen. Da fiel mir zum ersten Mal auf, dass er mich im Plural ansprach.

„Sag mal, aus welchem Jahrhundert kommst du eigentlich?“

„Was soll diese Frage? Wir schreiben das Jahr 1813, das weiß jedes Kind. Naja, ein Bauernmädchen besitzt vielleicht nicht so viel Intelligenz...“

„1813?“ fragte ich. Das war das Jahr, in dem der Herzog und seine Familie verschwanden... Gruselig.

„Ja natürlich. Als ich mich gestern schlafen legte, war es der 15 Mai 1813. Zwei Wochen nach meinem Geburtstag.“

„Dann musst du 200 Jahre lang geschlafen haben. Wir sind nämlich in 2013.“ erklärte ich ihm. Heute war der 16 Mai. Noch gruseliger.

„200 Jahre?“ Er schien nachzudenken. „Aber natürlich! Der Fluch der alten Hexe! Das ich kurz nach meinem 16. Geburtstag sterben sollte! Was bin ich froh, dass es die gute Fee gegeben hat, die den Fluch abschwächen konnte... Stellt euch vor, ich wäre tot!“

„Das fällt mir nicht schwer...“ sagte ich so leise, dass er es nicht hörte. „Du meinst, du bist Dornröschen?“ Ich lachte wieder los.

„Dornröschen? Was soll das sein?“

„Na Dornröschen eben. Jedes Kind kennt das Märchen von Dornröschen.“ Außer Dornröschen selbst.

„Ich nicht.“ Okay. Langsam wurde es wirklich gruselig. Aber richtig. „Ich bin also im 21. Jahrhundert? Das ist grandios!“ Irgendwie fing ich an, diesen Kerl zu mögen. Und vor allem ihm zu glauben. Krank, oder?

„Ja. Du bist im 21. Jahrhundert. Was hältst du davon, wenn ich dich mit zu mir nehme, damit du dich umziehen kannst? Eigentlich sollte ich dich in eine Psychiatrische Klinik bringen, aber irgendwie...“ Ich zuckte nur mit den Schultern.

„Sind denn Anstandsdamen anwesend?“

„Anstandsdamen? Äh, nein. Meine Eltern sind bis Montag verreist.“

„Dann darf ich euch nicht begleiten. Das wäre unanständig. Was würden die Leute von mir denken?“

"Wir sind hier im 21. Jahrhundert. Da ist das ganz normal. Komm jetzt." Ich wollte wirklich, dass er mitkam - warum auch immer. Ich nahm ihn an der Hand und zog ihn mit. Er wehrte sich, aber ich ließ nicht los. Er durfte mir auf keinen Fall entwischen, sonst landete er doch noch in der Psychiatrie. Ich meine "Hallo, ich bin Dornröschen, schön sie kennen zu lernen..."? An der Tür ließ ich ihn kurz los um mir mein Skateboard zu schnappen und sofort blieb Nik (ich würde ihn nur Nik anstatt Nikolai Altkopf Soundso nennen) stehen.

"Wohin gehen wir?" Fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust, als hätte er Angst ich könnte noch einmal seine Hand nehmen.

"Zu mir. Habe ich doch gesagt." Ich verdrehte die Augen.

"Warum?"

"Damit du dir etwas anziehen kannst, das nicht laut Volltrottel schreit." Hatte ich das nicht schon gesagt?

"Hmm. Und es ist wirklich in Ordnung, wenn ich euch begleite?"

"3 Dinge, die du dir merken solltest: Erstens, hör auf mich im Plural anzusprechen und sag einfach du; zweitens, hör auf so viele Fragen zu stellen und drittens, ja verdammt es ist in Ordnung!" Dieser Kerl brachte mich zur Weißglut.

"Gut, dann werde ich euch, ich meine dir, folgen." Na endlich. Ich ging den Weg entlang zurück zu dem Tor und sah mich ganze drei Mal um, ob Nik mir auch wirklich folgte. Als er die Straße erblickte, wurden seine Augen groß.

"Unglaublich. Es hat sich alles verändert."

"Du hast 200 Jahre lang geschlafen, hast du erwartet, dass da alles so bleibt wie es war?" Er war wieder stehen geblieben und damit er sich wieder fortbewegte musste ich ihn am Umhang gepackt hinter mir herziehen.

 

 

 

 

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