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Teil 6

Wir gingen los, als der Mond noch hoch und bleich am Himmel stand. Wir sprachen eigentlich kaum auf dem Weg, denn wir hatten keinen Grund dazu. Jeder wusste, was er zu tun hatte und für Smalltalk war die Situation einfach viel zu ernst. Ethan und Tammy war nicht auszureden gewesen, dass sie mit uns kamen, aber wenigstens hatte Tammy - natürlich unter Protest - zugestimmt, in unserem alten Viertel zu bleiben und damit eine der leichteren Aufgaben zu übernehmen. Mit Ethan hatten wir vereinbart, dass er Marissa holen würde - wenn sie sowieso irgendwann zu uns stoßen wollte, konnte sie es auch heute Nacht noch tun.

Umso näher wir dem Herzen der Stadt kamen, umso kleiner wurde die Gruppe. Diejenigen, die Wache stehen sollten, oder Dinge besorgen, die wir bei unserer Flucht nicht mitnehmen konnten, blieben zurück. Am Ende war nur noch meine Gruppe übrig und wir standen jetzt vor den verschlossenen Türen des Regierungsgebäudes. Fasziniert beobachtete ich, wie Kate und Pascal nacheinander alle Zauber lösten, die über den Türen lagen und uns schließlich einließen. Das ganze hatte keine fünf Minuten gedauert.

"Immer herein spaziert." Grinste Kate und hielt uns die Tür auf. Dann begannen die beiden, die Zauber wieder zu wirken, was länger dauerte als sie zu lösen, während wir anderen unsere Plätze einnahmen. Im Vorfeld hatten wir die Grundrisskarten des Gebäudes genau studiert, ich wusste genau, welcher Raum hinter welcher Tür lag und von wo aus welcher Fluchtweg der schnellste sein würde. Wir gingen durch die langen Gänge und immer wieder mussten Sicherheitsvorkehrungen außer Kraft gesetzt und Zauber kurzzeitig gelöst werden. Ich hätte nie erwartet, dass das alles hier so gut gesichert war. Hinter uns mussten Kate und Pascal, die so ziemlich die besten Zauberer waren, die wir hatten, natürlich alle Sicherheitsvorkehrungen wieder in Gang setzen, damit niemand Verdacht schöpfte. Wären es Blades gewesen und nicht Wylder, die das System konstruiert hatten, hätten wir noch weitaus länger bis in den zweiten Stock gebraucht, aber irgendwann standen wir tatsächlich vor einer großen Flügeltür, die in den Raum führte, von dem aus die Regierung über die Stadt herrschte. Sogar ich merkte sofort, dass diese Tür anders gesichert war, als alle anderen. Irgendetwas stimmte nicht.

"Was ist das?" Fragte Nina. Sie schien genau wie ich ratlos.

"Es ist ein Zauber, aber ein sehr schwieriger. Nie im Leben haben Wylder ihn gelegt."

"Aber die Regierung weiß doch, dass sie Magie wirken können wie sie wollen, da sollte das doch kein Problem sein." Warf ich ein.

"Nein," Kate schüttelte den Kopf, "jeder andere Zauber war leicht, aber das hier spielt in einer ganz anderen Liga."

"Nicht nur, dass er mächtiger ist als alle anderen, er ist auf bestimmte Personen bezogen. Wenn wir versuchen würden ihn zu öffnen, könnte er uns um die Ohren fliegen." Fügte Pascal hinzu. "Tut uns leid, aber da kommen wir nicht durch." Wir sahen einander an. Der Plan sah vor, dass wir in diesen Raum kamen, Informationen suchten und so lange warteten, bis die Regierenden kamen um sie zum Rücktritt zu zwingen. Wenn wir aber nicht hineinkamen... Alle Blicke lagerten sich auf Samuel.

"Wir werden hier vor der Tür warten. Sucht euch Verstecke. Ich bin neugierig, wer in der Lage sein wird, diese Tür zu öffnen." Weil niemand einen besseren Plan hatte als diesen, verstreuten wir uns in dem Stockwerk. Wir versteckten uns maximal zu zweit an einem Ort, damit es weniger auffällig war. Cas und ich bezogen eine kleine Abstellkammer, in der einige dutzend verstaubte Stühle standen. Durch die Milchglastür konnten wir schemenhaft erkennen, was draußen vor sich ging. Ich kuschelte mich in Cas' Arme und versuchte so wenig wie möglich zu frieren, aber der Boden war eiskalt.

"Glaubst du Marissa und Ethan sind schon auf dem Rückweg?" Fragte ich.

"Keine Ahnung. Kann schon sein." Ich spürte, wie Cas mit den Schultern zuckte. Gespannt sah ich ihn an, als mir klar wurde, dass das nicht unbedingt die beste Art war, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.

"Danke, übrigens." Flüsterte ich.

"Wofür?" Er sah mich an und ich musste ein Stück wegrücken um ihm in die Augen sehen zu können.

"Dafür, dass du meinen Bruder nicht umgebracht hast. Dass du nicht versuchst alle gegen ihn aufzuhetzen. Dass..."

"Dass ich ihm nicht die Nase gebrochen habe?" Ich grinste.

"Ja."

Cas seufzte. "Mein Dad hat mit mir darüber gesprochen." Er lehnte den Kopf gegen die Wand und starrte die Decke an. Daran erkannte ich, dass es ihm unangenehm war, zugeben zu müssen, dass er nicht von allein so nachsichtig geworden war. "Irgendwann habe ich begriffen, dass es nichts bringt ihn zu töten. Weder mir, noch dem Rest von uns. Das Einzige, was es vielleicht bewirkt hätte, wäre uns auseinanderzubringen und das durfte ich auf keinen Fall zu lassen." Ich sah Cas an. Seit er aus seiner Trauer um Robin erwacht war, sagte er öfter solche Dinge, dass er mich nicht verlieren will, dass er nicht zulassen kann, dass uns irgendetwas entzweit.

"Gut," sagte ich, "ich will nämlich auch nicht, dass uns etwas auseinanderbringt."

"Das trifft sich ja hervorragend." Er blickte wieder zu mir und küsste mich. Als er sich von mir löste, sah ich ein Glitzern in seinen Augen, dass darauf hinwies, dass er gerade eine Idee gehabt hatte, die zumindest er für großartig hielt.

"Weißt du, in der Nacht in der ich wieder zu mir kam, als mir klar geworden ist, wie nah ich daran gewesen war dich für immer zu verlieren, habe ich begriffen, dass ich nie wieder ohne dich leben will. Allein der Gedanke, dass es dazu kommen könnte - meinetwegen - hat so sehr geschmerzt, dass ich fast nicht anderes mehr wahrnehmen konnte. Ich will niemals morgens aufwachen und dich nicht neben mir finden, ich will nicht mehr abends einschlafen ohne dich im Arm halten zu können. Verstehst du das?"

"Cas..." Begann ich, denn das hier ging weit über das hinaus, was er sonst sagte. Ich spürte schon wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete und mir die Tränen in die Augen stiegen, vor Glück. Mein Herz fühlte sich an, als müsste es gleich platzen, so schnell schlug es. Ich wollte ihm sagen, dass ich genauso empfand, aber er ließ mir keine Chance dazu.

"Ich liebe dich, Luna. Und wenn wir hier wieder raus sind, dann heirate mich." Ich dachte an meine geplatzte Hochzeit mit Josh, wie ich in der Nacht davor weggelaufen war - mit Cas, für Cas. Noch bevor ich richtig darüber nachgedacht hatte, nickte ich. "Ja."

 

Ganz ehrlich, ich glaube das war so ziemlich der schönste Moment in meinem Leben. Ganz egal, dass wir uns in einer verstaubten Abstellkammer zwischen vergessenen Stühlen verlobten, ganz egal, dass es wohl bessere Zeitpunkte gegeben hätte um es zu tun. Vielleicht war es gerade deshalb so schön, weil es so unpassend war, irgendwie.

Der Spannung wegen müsste die Geschichte doch jetzt irgendwie so weitergehen: wir wollten uns gerade küssen, als plötzlich ein lauter Knall im Gang erklang. Erschrocken blickten wir auf und sahen, wie jemand an der Milchglastür vorbeiflog. Aus dem dumpfen Aufprall, der danach folgte, folgerte ich, dass derjenige unsanft von den verschlossenen Türen gebremst worden war. Wir sprangen auf um unseren Freunden zur Rettung zu eilen. So müsste es jetzt weitergehen, meint ihr nicht? Das entspricht aber leider nicht der Wahrheit.

Wir saßen noch fast eine ganze Stunde in dieser Kammer, bevor irgendetwas passierte und das war nicht annähernd so spektakulär.

 

Meine Augen fielen langsam zu. Es war zu früh am Morgen, ich war schon zu lange wach und Cas' Schulter war viel zu gemütlich um nicht einzuschlafen. Aber Cas bewegte sich plötzlich, bevor ich ganz ins Land der Träume abrutschen könnte.

"Sieh mal." Flüsterte er. Ich blickte durch das Glas in der Tür uns erkannte schemenhafte Gestalten, die daran vorbeiliefen. "Es geht los." Cas stand auf und lief zur Tür. Ich schlief noch mehr, als dass ich bei vollem Bewusstsein war, als ich ihm folgen wollte. Kaum war ich aufgestanden, stieß ich mir den Kopf an einem Stapel Stühle. Ich unterdrückte einen Fluch und kniete mich vor der Türe hin. Cas hatte bereits mit einem Zauber ein kleines Fenster freigelegt, sodass wir jetzt klar durch die Tür sehen konnten.

"Aber das sind ja..." Stieß ich erstaunt aus.

"Blades." Beendete Cas meinen Satz. Vor den verschlossenen Doppeltüren standen acht Frauen und Männer, hielten sich an den Händen und lösten die Zauber. Entgegen unseren Erwartungen trugen sie jedoch nicht die Sachen von Wyldern, sondern von Blades und außerdem trugen sie auch Klingen bei sich, die gefährlich im Neonlicht funkelten. Wir beobachteten schweigend, wie sie den großen Raum betraten und behutsam die Tür hinter sich schlossen. Soweit ich das beurteilen konnte, legten sie aber weder einen Riegel noch einen Zauber vor. Als wir sahen, wie die anderen aus ihren Verstecken kamen, verließen auch wir die Kammer.

"Das war unerwartet." Brachte Nina es auf den Punkt.

"Niemand von uns hat erwartet hier bewaffneten Blades gegenüberzustehen." Fügte Kate hinzu.

"Das ändert aber nichts an unserem Vorhaben." Schaltete Samuel sich ein. "Wir sind hier, weil wir gegen die Klassenaufteilung vorgehen wollen, da sollte es keinen Unterschied machen, was für Klamotten unsere Gegner tragen."

"Stimmt." Fügte Cas hinzu, "außerdem glaube ich nicht, dass diese Acht irgendeine Ahnung davon haben, wie man die Klinge benutzt. Ganz abgesehen davon, dass wir zahlenmäßig überlegen sind."

"Also dann," meinte Samuel, "es wird Zeit zu tun, wofür wir hergekommen sind." Mit diesen Worten wandte er sich den Türen zu und trat sie auf.

Acht erschrockene Gesichter blickten uns an. Aber sie sahen bestimmt nicht so erschrocken aus wie wir. Jeder Blade, der zuvor den Raum betreten hatte, saß vor einem riesigen Computerbildschirm und in der Mitte des Raumes stand ein riesiger Tisch, über dem das Hologramm einer Landschaft schwebte, die mir sehr bekannt vorkam. Erst nach einigen Sekunden ging mir auf, dass es die Landmasse darstellte, auf der unsere Stadt lag. Ich erkannte noch mehr Städte - viel mehr, als ich gedacht hatte, dass es gibt. Ich bin sicher, ich hätte noch mehr überraschende Dinge gefunden, wenn die acht Blades nicht in diesem Moment wieder zu sich gekommen wären. Sie standen auf und zogen ihre Klingen. Einer schaltete einen Alarm ein, der mir sofort schrill in den Ohren dröhnte. Irgendwer rief ein "Achtung!" Und wir konnten dem Feuerball, der auf uns geschleudert wurde gerade so ausweichen, aber ich wurde danach das Gefühl nicht los, Brandlöcher in meinem Shirt zu haben. Mir blieb allerdings keine Zeit um nachzusehen. Ich wurde in ein Duell verwickelt und verlor die anderen bald aus den Augen. Entgegen Cas' Erwartungen, konnten diese Menschen hier sehr wohl mit der Klinge umgehen und ich musste darauf acht geben, nicht getötet zu werden.

Als ich mir mit einem Zauber eine kurze Atempause verschaffen konnte, sah ich mich um. Cas, Samuel, Pascal, Nina und ein paar andere waren genau wie ich in Kämpfe verwickelt. Allerdings sah ich auch, wie zwei von uns unbehelligt durch den Raum streiften, sich die Monitore ansahen und die Technik studierten. Cas erregte meine Aufmerksamkeit, als er seinen Gegner niederstreckte, aber ich konnte nicht sehen, was er dann tat, denn ich musste mich wieder verteidigen.

Gerade gelang es mir, meinem Gegner die Klinge aus der Hand zu schlagen. Er sah etwas überrascht aus und ich nutzte den Moment um ihn in mit einem Zauber in tiefen Schlaf zu versetzen. Ich hoffte wirklich, dass der Zauber mir dieses Mal geglückt war - die letzten zwei Male hatte ich Nina zur Schlafwandlerin gemacht, die dann alle Teller, die sie finden konnte zerschlagen hat. Das konnte ich gerade wirklich nicht brauchen.

Ich sah, dass Kate Hilfe brauchte und war schon auf dem Weg zu ihr, als etwas anderes meine Aufmerksamkeit erregte. Am Ende des Ganges tauchte ein gutes Dutzend Wylder auf, die direkt auf uns zu marschierten. Auch sie waren bewaffnet und ich stellte fest, dass wir jetzt doch ganz schön in der Unterzahl waren. Anscheinend hatte der Alarm tatsächlich jemandem gegolten.

Samuel und Cas hatten die Wylder ebenfalls entdeckt. "Teilt euch auf! Sorgt dafür, dass sie nicht als Einheit agieren können!" Rief Samuel uns zu. Alle, die gerade keinen Gegner hatten, stürmten sofort aus dem Raum, auf die Wylder zu. Wir trennten uns und sorgten so dafür, dass auch sie sich trennen mussten. Ich rannte die Treppen nach oben und stieß die Türe zum Dach auf. Die frische Luft tat gut, aber ich hatte keine Zeit, den Ausblick zu genießen. Zwei Wylder waren mir dicht auf den Fersen.

Ich versuchte mich zu verstecken, aber sie hatten mich bereits entdeckt. Ich versuchte mich an einen passenden Zauber zu erinnern und begrub einen der Wylder unter einem Netz. Eigentlich hatte der Wurf beiden gegolten, aber meine Konzentration war nicht mehr ganz die beste und ich hatte mein Ziel verfehlt. Egal, wenigstens einer weniger. Der war mir jetzt aber schon ziemlich nah. Unsere Klingen kreuzten sich.

Ich verteidigte mich mehr, als dass ich tatsächlich in die Offensive ging. Ich war nicht hergekommen um irgendwen zu verletzen, aber mir blieb wohl keine andere Wahl mehr. Ich wollte einen elektrischen Impuls durch das Metall unserer Klingen senden, wie ich es damals an der Mauer auch getan hatte, aber der Zauber ging schief. Anstatt die Hand meines Gegners zu verbrennen, verbrannte ich meine eigene. Ich schrie vor Schmerz auf und ließ meine Waffe fallen. Zum Glück war ich noch aufmerksam genug um dem nächsten Hieb meines Gegners auszuweichen und sie dabei wieder aufzuheben, aber jetzt musste ich sie mit links führen und das gefiel mir gar nicht.

Meine Hand brannte wie Hölle, einen Zauber konnte ich vergessen. Mir lief der Schweiß den Nacken hinunter und mein linker Oberarm schmerzte von der ungewöhnlichen Belastung, aber ich schaffte es den Wylder K.O. zu schlagen. Ich fiel auf die Knie, begann langsam wieder zu Atem zu kommen, als ein dritter Wylder auf dem Dach auftauchte. Ich sprang schnell wieder auf, ließ meine Klinge aber sofort sinken, als ich ihn erkannte.

"Dad." Sagte ich. Für einen Moment vergaß ich all meine Schmerzen und alles was zählte war, dass ich ihn wiedersehen konnte.

"Luna?" Ohne zu überlegen ging ich auf ihn zu um ihn zu umarmen, bis er plötzlich die Klinge wieder hob. "Du bist nicht meine Tochter." Sagte er.

"Was?" Irritiert blieb ich stehen. In seinen Augen konnte ich eine Wut erkennen, die ich noch nie bei ihm gesehen hatte. "Doch, natürlich. Ich bin es, Luna. Du hast mir so unendlich gefehlt."

"Meine Tochter ist tot. Selbst wenn sie nur weggelaufen ist, nie mehr wird sie meine Tochter sein. Sie hat mein Leben zerstört!" Ich zuckte zusammen. Der pochende Schmerz in meiner Hand war wieder da, aber er war nichts im Vergleich zu dem, was seine Worte in mir auslösten.

"Aber..." Begann ich, doch ich konnte meinen Satz nicht beenden. Ich wich zurück so weit ich konnte - auf keinen Fall würde ich mit meinem Vater die Klinge kreuzen.

"Sie hat mir alles genommen. Meine Frau, meinen Sohn - einfach alles."

"Was? Nein, Ethan geht es gut! Er..." Plötzlich begriff ich, was er gerade über Mum gesagt hatte. "Was ist mit Mum? Wo ist sie? Warum..."

"Meine Frau ist tot. Sie hat sich selbst umgebracht - vorgestern, weil sie es nicht ertragen konnte, was unsere Tochter ihr angetan hatte." Mein Vater kam mir immer näher, die Klinge bestimmt auf meinen Hals gerichtet. Ich konnte nicht mehr weiter zurückweichen, spürte ich hinter mir doch schon die Brüstung, die das Dach vom Sturz in den Tod trennte.

"Mum. Nein, nein, nein. Sie darf nicht tot sein. Nein." Die Klinge fiel mir aus der Hand. Meine Mutter war tot - meinetwegen. Sie war tot. Was hatte ich nur getan? Tränen stiegen mir in die Augen und verschleierten meine Sicht. Was hatte ich getan?

"Luna!" Rief jemand von der Tür aus. Ich blinzelte die Tränen fort und erkannte Cas. Mein Vater wirbelte zu der Stimme herum und ich reagierte schneller, als ich denken konnte und schlug ihm die Klinge aus der Hand. Mein Vater drehte sich wieder zu mir um und tat, was ich ihm niemals zugetraut hätte: er schlug mich. Ich erschrak so sehr, dass ich fiel und mir mein rechtes Auge hielt. Ich konnte spüren, dass es darunter pochte und wohl ziemlich bald ziemlich blau sein würde. Ich konnte auf dieser Seite nicht mehr richtig sehen.

Wo war Cas? Ich sah mich nach ihm um und entdeckte ihn immer noch nahe an der Tür. Er war in einen Kampf mit dem Wylder verwickelt, den ich in dem Netz gefangen hatte. Er musste sich befreit haben, ohne dass ich es bemerkt hatte. Mein Vater gewann meine Aufmerksamkeit zurück, als er eine Klinge vom Boden aufhob - ich konnte nicht sagen, ob es meine oder seine war - und sie auf mich richtete. Als er zum letzten Schlag ausholen wollte, sprang plötzlich mein Selbsterhaltungstrieb an. Ich schaltete auf Automodus und tat, was ich im Training gelernt hatte. Wieder flog die Klinge meinem Vater aus der Hand, aber dieses Mal machte er sich nicht die Mühe sie wieder aufzuheben sondern ging mit bloßen Händen auf mich los. Immer noch auf Autopilot geschaltet, wehrte ich mich. Ich reagierte schneller, als mein Vater gucken konnte, er stolperte über mich drüber, verlor das Gleichgewicht, prallte gegen die niedrige Brüstung und fiel hinüber. Das war der Moment in dem ich realisierte, was ich getan hatte. Ich streckte die Hand aus um ihn aufzufangen, aber es war längst zu spät. Ich hatte meinen Vater ein vierstöckiges Haus hinuntergestürzt.

"Nein!" Schrie ich. Konnte ich an einem Tag Vater und Mutter verlieren? Für einen Moment erschien mir dieser Preis zu hoch für die Freiheit. Ich spürte nur noch eine gähnende Leere in mir und achtete nicht darauf, was ich tat. Beinahe wäre ich meinem Vater hinterher gestürzt, doch Cas zog mich rechtzeitig vom Rand des Daches weg.

"Nein, nein, nein, nein." Flüsterte ich, meine Stimme versagte.

"Komm, wir müssen hier weg." Cas zog an meiner gesunden Hand, aber ich ließ mich auf die Knie fallen.

"Mein Vater, meine Mutter... Nein, nein, nein." Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Cas kniete sich vor mich, versuchte meine Hände von meinem Gesicht zu ziehen und zuckte zurück, als er meine verbrannte Rechte sah.

"Luna, was ist los? Wir müssen wirklich gehen."

"Sie sind tot!" Schrie ich ihn an. Wie konnte er jetzt von mir verlangen, dass ich weiterging? Dass ich irgendetwas tat? "Tot! Tot! Alle sind tot!" Ich rollte mich ganz eng zusammen, versuchte den Schmerz zu unterdrücken, dabei merkte ich nicht einmal, wie ich mir so fest auf die Lippe biss, dass sie begann zu bluten. Ich glaube, nach ein paar Sekunden begriff Cas.

"Wir können ihnen nicht helfen." Sagte er sanft.

"Sie sind tot. Meinetwegen."

"Du kannst nichts dafür." Ich weiß nicht, ob Cas damals schon wusste, dass ich von meinen Eltern sprach.

"Ich habe sie umgebracht."

"Komm, Luna. Komm mit mir. Wir müssen hier weg." Cas redete eine ganze Weile auf mich ein und schaffte es tatsächlich, mich zum Aufstehen zu bewegen.

 

Danach ist so ziemlich alles verschwommen. Wir müssen aus dem Regierungsviertel und der Stadt geflohen sein, zurück in den Wald, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Das einzige was ich wahrnahm, was ich empfand war diese unendliche Schuld.

Cas hat mir erzählt, dass sie mir drei Tage lang Beruhigungsmittel gegeben haben, damit ich mich nicht selbst verletzte. Er hat mir auch erzählt, wie es den anderen ergangen war. Nina hatte eine riesige Brandwunde am Arm, die weit schlimmer war als meine und auch nach drei Monaten noch nicht ganz verheilt war. Kate hatte eine Schnittwunde am Bauch und hatte den Weg aus der Stadt wohl auch mehr bewusstlos und von Pascal getragen als selbstständig hinter sich gebracht. Samuel hatte einen gebrochenen Knöchel, Pascal eine Platzwunde am Kopf und ein verstauchtes Handgelenk. Im großen Ganzen kann man das ganze so zusammenfassen: es war nicht ganz so gelaufen wie geplant.

Ethan und ich trauerten lange um unsere Eltern, ich mehr als er. Bis heute bin ich der Meinung, dass ich Schuld an ihrem Tod bin auch wenn jeder mir etwas anderes erzählt. Aber ich spreche nicht gern darüber und würde euch deshalb lieber erzählen, was wir bei unserem missglückten Versuch die Regierung zu stürzen herausgefunden haben.

Die Blades, gegen die wir gekämpft haben, waren nicht die Regierung. In den Computern des großen Saals hatten wir Hinweise gefunden, dass sie nur als Verwalter für diese eine Stadt eingesetzt worden waren. Als wir im Nachhinein begannen mehr darüber in Erfahrung zu bringen, fanden wir heraus, dass die Strippen jemand ganz anderes in der Hand hielt. Die Klassengesellschaft gab es nicht nur in unserer Stadt, sondern in jeder einzelnen Stadt, die das Hologramm gezeigt hatte. Und sie alle wurden von einem Ort aus kontrolliert.

Was wir uns jetzt überlegt hatten: vielleicht gab es auch in anderen Städten Rebellen, die gegen das Klassensystem aufbegehrten. Wenn wir uns mit ihnen zusammenschließen konnten, dann könnten wir das Problem vielleicht tatsächlich bekämpfen. Also machten wir uns auf dem Weg um sie zu finden, unsere zukünftigen Mitstreiter.

Jahre vergingen, viele schlossen sich uns an, auch Freie. Wir wurden mehr oder weniger zu einer eigenen Stadt, ganz am Rand der Landmasse. Jeden Tag fürchteten wir, dass die Regierung Truppen schicken könnte, um uns anzugreifen, aber alles was wir erhielten war ein Brief. Darin stand, dass man uns solange in Ruhe lassen würde, wie wir sie in Ruhe ließen. Natürlich stand es für uns außer Frage, den Kampf aufzugeben. Man begann doch keine Rebellion um dann mittendrin wieder damit aufzuhören, als wäre es nur eine Laune gewesen. Wir sandten Leute aus, die mehr Menschen zu uns holen sollten und es funktionierte. Wir wurden immer stärker und stärker. Aber noch sind wir nicht stark genug, noch nicht ganz. Wir brauchen noch mehr Hilfe, eure Hilfe.

 

 

 

 

 

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