Dies ist eine kostenlose Homepage erstellt mit hPage.com.

 

 

Teil 5

 

Mein Name ist Luna Pettyfer. Ich habe euch jetzt schon erzählt, wie ich mein Leben aufgegeben habe und wie mein Kampf begonnen hat. Es ist an der Zeit euch zu erzählen wie er weiterging. Ob er jemals zu Ende sein wird, weiß ich nicht. Denn jeder von euch wird ihn auch kämpfen müssen.

Wir haben wochenlang in dem Camp im Wald gelebt, trainiert, uns vorbereitet. Ohne, dass irgendwer es angekündigt hätte, wussten wir, dass wir etwas unternehmen mussten. Die Toten fehlten uns, es gab niemanden, der nicht zumindest einen Freund verloren hatte. Aber nachdem wir erst einmal gelernt hatten mit der Trauer umzugehen, spornte sie uns an. Wir würden auch im Namen der Verstorbenen kämpfen, denn sie hätten nicht gewollt, dass wir aufgaben - niemals.

Der Letzte der seine Trauer überwand, war Cas. Er fand erst zu sich zurück, als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte.

 

Ich trainierte gerade mit ein paar Anderen auf dem freien Gelände. Seit dem Abend zuvor hatte ich Cas nicht mehr gesehen, aber das war eigentlich nichts ungewöhnliches, nicht mehr. Das Training hier im Wald gefiel mir, die Natur bot so viel mehr Möglichkeiten als die Hallen in der Stadt. Wir übten ganz verschiedene Dinge, im Moment nutzten wir die umgeknickten Baumstämme, Täler, Sträucher und Tümpel als Hindernislauf. Ich lief gerade über einen Baumstamm, der eine ein paar Meter tiefe Senke überspannte, die von einem kleinen Bach gegraben worden war. Es war schon das dritte Mal, dass ich diesen Weg einschlug und ich war auch nicht die Einzige, die ihn nutzte, aber ausgerechnet jetzt rutschte der Baumstamm ein Stück ab. Ich sah, wie Kate sich mit einem Sprung vom Holz auf den Waldboden, aber für mich war es zu spät. Ich verlor das Gleichgewicht und rutschte ab. Wage hatte ich wahrgenommen, wie hinter mir jemand meinen Namen gerufen hatte. Ich bereitete mich schon auf den Aufprall am Boden vor, als meine Hand sich um etwas weiches, warmes schloss. Erstaunt sah ich auf und blickte in Cas' weit aufgerissene Augen. Er kniete auf dem Baumstamm, der jetzt einen guten Meter tiefer lag als vorher und hatte mich an der Hand aufgefangen.

"Cas." Ich hatte keine Ahnung was ich sagen sollte. Ich spürte die Blicke der anderen auf uns, meine Schulter schmerzte von dem plötzlichen Ruck, aber vor allem konnte ich sehen, dass sich etwas geändert hatte. Cas schien mich endlich wieder richtig anzusehen und nicht länger durch mich hindurch zu sehen.

"Luna, wir müssen reden. Ich..." Begann er, doch ich unterbrach ihn sofort.

"Das ist jetzt vielleicht nicht ganz der richtige Zeitpunkt." Wandte ich ein. Cas begriff, als er sich kurz umsah. Langsam wurde es unangenehm so in der Luft zu hängen.

"Eins, zwei, drei." Zählte Cas und ließ mich los. Ich fiel die wenigen Meter bis in den knietiefen Bach und so unangenehm das kalte Wasser auf meiner Haut auch war, ich rollte mich ab um mir den Knöchel nicht auch noch zu verstauchen. Klatschnass stand ich wieder auf und dass ich nicht sofort wieder ausrutschte, schien das erste Mal zu sein, dass ich an diesem Tag Glück hatte. Warum musste so was auch immer ausgerechnet mir passieren?

Ich stapfte leicht gereizt die Senke hoch. Nina brachte mir eine Decke, die ich mir um die Schultern legen konnte, Kate kam sofort zu mir um zu fragen, ob es mir gut geht. Ich seufzte und versuchte so freundlich wie möglich zu sein. Dann stand ich vor Cas.

"Ist alles in Ordnung?" Fragte er.

"Ja, ja ich denke schon. Es war ja nicht tief." Wir sahen uns an und waren auf einmal ganz verlegen. Es war so lange her, dass wir uns das letzte Mal so unterhalten hatten, dass es fast war, als wären wir gerade erst zusammengekommen. Vielleicht sogar noch schlimmer.

"Du solltest dir was trockenes anziehen. Und leg am besten irgendwie einen Stützverband um deinen Arm, damit die Schulter nicht so sehr belastet wird." Erklärte Nina. Ich nickte. Wahrscheinlich hätte ich mich nicht verletzt, wenn Cas mich nicht aufgefangen hätte, aber das wollte ich ihm jetzt wirklich nicht vorwerfen. Ich hatte viel zu viel Angst, dass er sich wieder von mir abwenden könnte. Auf keinen Fall wollte ich ihn verlieren.

"Ich bring sie zurück ins Camp." Meinte Cas. Ich erkannte an den Gesichtern der Anderen, dass sie ebenso überrascht waren, wie ich, dass er wieder sprach oder überhaupt irgendetwas tat, dass sie über stures geradeaus laufen hinausging. Seine Hand zuckte kurz, als wollte er meine damit ergreifen, aber er ließ sie wieder sinken, was mich noch verlegener machte. Ohne uns zu berühren gingen wir nebeneinander zum Camp zurück.

"Tut mir leid, dass ich dich aufgefangen habe." Meinte er irgendwann.

"Schon okay. Du konntest ja nicht wissen, dass ich mir dabei die Schulter verletze. Außerdem heilt die auch wieder. Wenn ich jetzt gefallen wäre und mir den Knöchel gebrochen hätte oder so, wäre es schlimmer gewesen."

"Danke." Er lächelte mich an und ich vergaß für einen Moment all die Angst, die ich seit Robins Tod um ihn gehabt hatte, vergaß die Wut darauf, dass er sich so hat fallen lassen, vergaß, dass ich mir geschworen hatte ihn zur Schnecke zu machen, falls er sich je wieder normal benehmen sollten. Dann sah er wieder weg, irgendwo in die Bäume und holte tief Luft. Bevor er jedoch sagen konnte, was er sagen wollte, fiel mir wieder ein, wie wütend ich war.

"Wo bist du gewesen?" Fragte ich ihn.

"Im Wald. Ich bin..." Ich schüttelte den Kopf und er wurde sofort still. Ich spürte, wie mir all die Tränen, die ich seit Wochen unterdrückt hatte in die Augen stiegen, was mich noch wütender machte. Ich wollte ihn anschreien, ihm eine Szene machen - nicht heulen.

"Nein. All diese Wochen über war es, als wärst du tot. Hast du überhaupt irgendeine Ahnung, wie weh mir das getan hat? Hast du jemals darüber nachgedacht, wie ich mich fühle, wenn du plötzlich nicht mehr mit sprichst? Mich nicht einmal mehr ansiehst?"

"Es tut mir leid. Das alles tut mir so unendlich leid." Ich drehte mich um. Es musste wirklich nicht sein, dass er mich weinen sah, nicht jetzt. "Luna, bitte. Ich hab das doch nicht gewollt." Ich spürte, wie er nach meiner Hand griff und neben mich trat, aber ich entzog sie ihm und sah in die andere Richtung. Im verzweifelten Versuch die Tränen zu unterdrücken, schloss ich die Augen, doch auch das half nicht.

"Luna, bitte sieh mich an." Er berührte mein Kinn und drehte meinen Kopf zu sich hin. Ich öffnete die Augen wieder. "Es tut mir leid. Ich weiß, dass du mir vielleicht nicht verzeihen kannst, aber bitte, bitte gib mir noch eine Chance."

"Warum? Damit du wieder davonrennst, wenn irgendetwas passiert?"

"Weil ich dich nicht verlieren will. Niemals." Er sah mir in die Augen und wischte vorsichtig eine Träne von meiner Wange. "Ich werde den selben Fehler kein zweites Mal machen." Und endlich zog er mich an sich und legte die Arme um mich. Nach all der Zeit voll gespielter Stärke, die ich hinter einer kaputten Mauer aus Unnahbarkeit verbracht hatte, bekam ich an seiner Schulter nun die Chance auch einmal zerbrechen zu dürfen.

 

Cas brachte mich dann tatsächlich noch zum Camp, sobald ich mich wieder beruhigt hatte. Allerdings zitterte ich da dann schon so sehr, dass ich kaum ein Wort herausbrachte ohne mir auf die Zunge zu beißen. Ich zog mir eine Erkältung zu, aber das war es mir allemal wert, dass ich Cas wieder hatte. Meine Schulter war im übrigen nur ausgekugelt - das Einrenken tat zwar weh wie Hölle, aber wenigstens war sie nach ein paar Tagen wieder gesund.

Cas begann wieder mit uns zu trainieren, wir verbrachten wieder mehr Zeit miteinander. Endlich schien das Leben hier draußen mehr als nur eine Pflichtveranstaltung zu sein. Als Tammy uns verkündete, dass sie schwanger sei, feierten wir eine große Party um mal auf andere Gedanken zu kommen. Das tat gut, wirklich gut. Es war der Morgen nach der Party, an dem Ethan im Camp ankam.

 

Ich war zum ersten Mal für die Wache eingeteilt und ganz ehrlich: ich langweilte mich zu Tode. Schon seit Stunden saß ich auf diesem dämlichen Baum und beobachtete, wie die Sonne höher stieg. Ansonsten konnte ich noch beobachten, wie der Wind die Blätter durcheinander wehte und ab und zu ein Eichhörnchen durch die Gegend rannte, mehr nicht. Zumindest nicht, bis unsere Schutzzauber mir einen Eindringling meldeten.

Ich konzentrierte mich auf die Stelle, wo derjenige auftauchen würde und wartete ab, ob er allein war, ob es nur ein Freier auf der Jagd sein würde, oder ob er uns gefährlich werden konnte. Als ich Ethan erkannte fiel ich fast vom Baum. Wenn nicht ich, sondern irgendwer anders Wache gehalten hätte, könnte Ethan jetzt tot sein. Darüber wollte ich lieber gar nicht nachdenken.

"Ethan!" Rief ich. Er blieb natürlich sofort stehen und sah sich um, konnte mich aber natürlich nirgendwo entdecken. So schnell wie möglich kletterte ich den Baum hinunter und lief zu ihm. Stürmisch und recht unüberlegt fiel ich ihm um den Hals.

"Luna. Gott sei Dank, du bist es wirklich. Geht es dir gut?"

"Ja mir geht es gut." Antwortete ich. Dann erst fiel mir wieder ein, dass Ethan eigentlich gar nicht hier sein sollte. Vorsichtig löste ich mich aus seiner Umarmung. "Was tust du hier? Wie hast du mich gefunden?"

"Wir hatten keine Chance zu reden, als dann dieser Baum umgekippt ist. Ich musste aber wissen, was passiert ist, ob es dir gut geht. Also habe ich über das nachgedacht, was du gesagt hast, dass alles möglich ist. Ich habe heimlich angefangen Zauber auszuprobieren und nach einiger Zeit, sind mir plötzlich Zauber gelungen, die ich eigentlich nicht können. Dann habe ich versucht dich mit einem Zauber wiederzufinden und es hat tatsächlich geklappt." Ein Zauber? Man konnte uns mit einem Zauber finden? Das war nicht gut, gar nicht gut.

"Was ist mit deiner Frau?"

"Marissa hat verstanden, warum ich gehen muss. Ich glaube sie ist dir sehr ähnlich - sie hat auch irgendwie diese rebellische Ader." Ich lächelte leicht über seinen versuch mich aufzuziehen, aber die Sorge über diesen Zauber hatte mittlerweile Besitz von mir ergriffen.

"Dann bist du allein gekommen?"

"Ja, natürlich."

"Und dir ist auch niemand gefolgt?"

"Ich denke nicht. Luna, was ist los?"

"Wenn ich das nur wüsste." Ich seufzte, überprüfte noch einmal alle Schutzzauber und erst dann führte ich Ethan ins Camp. Ich fühlte mich gar nicht wohl dabei, spürte schon bald die missbilligenden Blicke der anderen auf mir, aber niemand stellte meine Entscheidung, Ethan mitzubringen in Frage. Es hatte definitiv einige Vorteile, Caspers Freundin zu sein. Als wir ankamen, hatte ich irgendwen gebeten, meine Wache zu übernehmen und derjenige war murrend abgezogen. Warum die meisten hier auf mich hörten, war mir ein Rätsel, weil ich eigentlich überhaupt nichts zu sagen hatte, aber in diesem Moment fand ich es ganz gut.

Als wir bei Samuels Hütte ankamen, dachte ich zum ersten Mal darüber nach, was ich tun würde, wenn er nicht allein war. Schwer vorstellbar, dass Cas oder Tammy gelassen auf Ethans Anwesenheit reagieren könnten. Aber wir hatten Glück: Cas' Vater war allein.

"Komm rein!" Rief er. Erleichterte schlüpfte ich mit Ethan durch den Vorhang. Es war schön, den neugierigen Blicken ausweichen zu können.

"Ein Wylder? Luna, warum hast du ihn hergebracht?" Ich hatte erwartet, dass Samuel toben würde, aber er blieb ganz ruhig.

"Er ist mein Bruder." Sagte ich nur. Samuel betrachtete uns abwechselnd, fand wohl einige Ähnlichkeiten und beschloss mir zu glauben.

"Wie ist er hierhergekommen? Was will er überhaupt hier?"

"Wenn ich mich einschalten dürfte?" Begann Ethan vorsichtig, "Ich bin hier, weil ich nach meiner Schwester gesucht habe. Wir sind uns begegnet, als die Regierung uns gegen euch ausgeschickt hat, und seitdem war ich neugierig, wie sie zur Blade geworden war. Ich dachte mir, dass wenn sie das kann, ich das als ihr Bruder vielleicht auch kann. Also habe ich ein wenig mit der Magie herumprobiert und Luna schließlich gefunden."

"Deswegen habe ich ihn hergebracht." Fuhr ich fort, "Wenn Ethan uns mit Magie finden kann, dann kann die Regierung das mit Sicherheit auch." Samuel nickte vorsichtig und wollte etwas sagen, aber Ethan war schneller.

"Das haben sie längst, schon vor Wochen." Ich blickte meinen Bruder erstaunt an.

"Woher weißt du das?"

"Ich habe mich ein wenig umgehört. Anscheinend gibt es Geheimnisse, die die Regierung nicht so gut hütet, wie das um die Magie."

"Das hätte ich dir gar nicht zugetraut."

"Sagt meine Schwester, die zur Blade geworden ist." Ich lachte, er hatte ja recht.

"Luna?" Lenkte Samuel meine Aufmerksamkeit auf sich, "Können wir deinem Bruder vertrauen, dass er nicht einen zweiten Angriff der Wylder hergeführt hat?" Man könnte meinen, dass ich auf diese Frage eingeschnappt reagiert hätte, aber es war nun mal Samuels Aufgabe für die Sicherheit im Camp zu sorgen.

"Ja. Das können wir." Antwortete ich sicher. Für mich stand es außer Frage, dass mein Bruder die Wahrheit gesagt hatte. Er würde mich niemals anlügen.

"Warum hat die Regierung uns noch nicht angegriffen, wenn sie doch weiß, wo wir sind?" Fragte Samuel Ethan, wie um ihn zu testen.

"Keine Ahnung. Sie verbreiten die Lüge, es hätten nur eine handvoll Blades den Angriff überlebt. Ich schätze sie sind zufrieden damit, dass ihr die Stadt nicht mehr aufmischt." Antwortete dieser.

"Möglich, aber das gefällt mir nicht. Ich werde die Wachen verdoppeln lassen." Samuel sah nachdenklich durch ein kleines Loch in seinem Zelt.

"Samuel?"

"Hmm?" Er sah mich wieder an.

"Kann Ethan im Camp bleiben?" Ich war unsicher, was diese Frage betraf. Es würde ziemliche Unruhen hervorrufen, wenn Ethan blieb, vor allem, wenn herauskam, dass er Robin getötet hatte. Aber ich konnte ihn nicht einfach so zurück schicken - ganz abgesehen davon, dass er vermutlich sowieso nicht gehen würde.

"Ja, natürlich. Er hat bewiesen, dass er auf unserer oder zumindest auf deiner Seite ist. Vielleicht lässt er sich ja auch noch zum Blade ausbilden." Samuel lächelte Ethan an und meine Anspannung schwand ein wenig. Wenn er Ethan akzeptierte, würden viele andere seinem Beispiel folgen.

"Dann brauchen wir nur einen Ort, an dem er schlafen kann."

"Kann ich nicht einfach bei dir schlafen?" Fragte Ethan mich. Ich dachte daran, wie Cas darauf reagieren könnte und sofort war die Angst, dass er wieder in seine Lethargie verfallen könnte wieder da.

"Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre..." Gab ich also zurück.

"Er kann erst einmal bei mir unterkommen. Dann sehen wir weiter." Samuel war aufgestanden.

"Äh, Samuel ich weiß nicht..." Ich hatte keine Ahnung, ob er von Robins genauen Todesumständen wusste.

"Robin war auch mein Freund. Und auch wenn die Unwissenheit deinen Bruder nicht vor seiner Schuld schützt, ist es nicht meine Aufgabe Rache zu wollen. Ich tue was für das Camp am besten ist und sein Tod würde nicht helfen. Aber denk daran, dass das nicht alle so sehen werden." Samuel sah mich scharf an. Ich schluckte, ja er wusste es und trotzdem nahm er Ethan bei sich auf. Seine Warnung musste ich sehr ernst nehmen, also nickte ich. "Ich werde jetzt die Wache neu organisieren, ich bin sicher, ihr zwei habt eine Menge zu bereden." Und damit ließ er uns allein in seinem Zelt zurück.

"Was hat er gemeint? Dass mein Tod nur ihn nicht interessiert? Wer ist Robin?"

"Ich schätze, es gibt einiges, dass ich dir erklären muss, komm setzen wir uns." Wir nahmen irgendwo in einer Ecke Platz und ich begann damit, zu erklären wer Robin gewesen war.

"Robin war einer der beliebtesten, aber auch härtesten Trainer der Blades. Er war ein sehr enger Freund von Samuel, der mehr oder weniger unser Anführer ist und er war so was wie ein großer Bruder für Samuels Sohn, Casper. Der zufällig mein Freund ist und den ich davon abgehalten habe dich umzubringen, nachdem du Robin getötet hast." Okay ich gebe es zu, mittlerweile war selbst mir klar geworden, dass ich nicht sonderlich gut darin war Dinge zu erklären, aber Ethan kannte mich und nach ein paar Sekunden begriff er.

"Der Blade, der bei dem Angriff das Mädchen aus dem Weg gestoßen hat und dadurch direkt in meine Waffe gelaufen ist. Er ist tot?"

"Ja." Anscheinend hatte Ethan bis jetzt nicht begriffen gehabt, dass er einem Menschen das Leben genommen hat. "Wie meinst du das, er hat ein Mädchen aus dem Weg gestoßen?"

"Naja, so ein blondes Mädchen, etwa in meinem und seinem Alter. Ich hätte sie verletzt, wenn ich sie getroffen hätte, aber er hat sie ja zur Seite gestoßen. Ich hab nicht schnell genug reagiert und konnte meinen Schlag nicht mehr in eine andere Richtung lenken und hab ihn getroffen. Er ging zu Boden, das Mädchen hat sich sofort neben ihn gekniet und naja, mehr kann ich dir nicht sagen, weil ich dann wieder angegriffen wurde. Fast getötet wurde, wenn du nicht gewesen wärst." Endlich begriff ich, wie Ethan es geschafft hatte Robin zu überwältigen. Wir alle hatten darüber gerätselt aber jetzt war es klar: er hatte Tammy retten wollen und sich dadurch selbst nicht gut genug geschützt. Robin hat für Tammy sein Leben gelassen und sie hat das die ganze Zeit allein mit sich rumschleppen müssen. Ob sie sich wohl Vorwürfe gemacht hat?

"Luna?" Ich war total abgeschweift und erschrak leicht, als Ethan mich ansprach. "Du hast mir das Leben gerettet. Danke."

"Schon okay. Ich konnte nicht zulassen, dass Cas dich tötet."

"Cas wie in Casper?" Ich nickte. "Ein Freund von dir hat versucht mich umzubringen?"

"Du hast seinen großen Bruder umgebracht. Er hat einfach nur noch rot gesehen. Und um genau zu sein, ist er mein fester Freund."

"Fester Freund? Was heißt das denn?" Oh, richtig. Ethan konnte ja nicht wissen, was das war. Ich erklärte es ihm, erklärte was Liebe eigentlich war und erwartete, dass er wütend sein würde, dass er fragen würde, wie ich mit jemandem zusammen sein konnte, der versucht hatte ihn zu töten. Aber Ethan sagte nichts dergleichen.

Nachdem er eine Weile geschwiegen hatte fragte ich: "Empfindest du so für Marissa?"

"Am Anfang nicht, aber mittlerweile schon." Er zögerte einen Moment. "Bist du glücklich mit diesem Cas?"

"Ja, sehr." Ich lächelte in mich hinein, bis mir einfiel, dass mir womöglich ein heftiger Streit bevorstand wenn Cas erfuhr, dass Ethan hier war.

"Dann ist das okay für mich. Immerhin bin ich schuld an diesem Schlamassel."

"Sag so was nicht. Die Regierung hat euch manipuliert, dass ihr das tut."

"Schön, dass du das so sehen kannst, aber ich kann es nicht." Ich schwieg, weil ich keine Ahnung hatte, was ich antworten sollte.

"Marissa ist schwanger." Platzte Ethan plötzlich heraus.

"Was?" Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. "Dann solltest du bei ihr sein, nicht bei mir."

"Ich habe doch gesagt, dass ich mit ihr gesprochen habe. Es ist okay für sie. Ich musste nur versprechen zurückzukehren, irgendwann, um sie zu holen."

"Aber..." Begann ich, ohne wirklich zu wissen, was ich sagen sollte.

"Luna!" Rief jemand vor dem Zelt. Ich erkannte Cas' Stimme sofort - der Streit würde wohl früher kommen als gedacht. Ich überlegte für einen Moment ob ich einfach so tun sollte, als hätte ich es nicht gehört, aber da Cas hier nach mir suchte, wusste er dass ich hier war. Schnell verwarf ich diese Möglichkeit wieder.

"Komm rein!" Antwortete ich. Cas schob den Vorhang zur Seite und kam herein, aber er blieb direkt neben dem Eingang stehen und ballte die Hände zu Fäusten, als wollte er vermeiden, dass er etwas tat, dass er womöglich bereuen könnte, aber er sah nicht überrascht aus. Samuel musste ihn gesagt haben, dass Ethan hier war. Ethan neben mir versteifte sich. Vermutlich dachte er daran, wie Cas ihn fast durchbohrt hatte.

"Können wir kurz reden? Allein?" Ich stand auf und war froh, dass wir diese Diskussion wenigstens nicht vor Ethan führen mussten.

"Ich komme morgen wieder." Versprach ich meinem Bruder drehte mich um und zog Cas mit mir aus der Hütte. Das war vielleicht etwas unterkühlt, aber ich wollte Cas nicht noch mehr reizen.

"Wie kannst du ihn nur herbringen? Bist du völlig verrückt geworden?" Fragte Cas kaum dass wir die Hütte verlassen hatten.

"Er ist mein Bruder, Cas. Ich lasse ihn bestimmt nicht mitten im Nirgendwo stehen."

"Aber er hat Robin getötet!"

"Das weiß ich, aber er hat sich das genauso wenig ausgesucht wie ich. Er ist kein schlechter Mensch."

"Aber..."

"Robin war auch mein Freund, falls du das vergessen haben solltest. Klar kannte ich ihn nicht so lange wie du, aber ich habe auch getrauert, trotzdem werde ich meinen Bruder deswegen nicht verstoßen, wenn er um Verzeihung bittet."

"Wie kannst du ihm verzeihen?"

"Das hab ich nicht. Aber ich weiß, dass er nicht die volle Schuld trägt. Ihn zu bestrafen würde das Problem auch nicht lösen."

"Aber vielleicht würde ich mich dann besser fühlen." Cas grinste und Leute, die ihn weniger gut kannten wie ich, hätten wohl gedacht, er meinte das genauso fies wie es klang, aber ich konnte sehen, dass er nur seinen Schmerz überspielen wollte. Er konnte jetzt besser damit umgehen, aber das hieß nicht, dass er aufgehört hatte zu trauern. Ich legte meine Hand an seine Wange.

"Glaubst du das wirklich? Dass du dich besser fühlen würdest, wenn du mir damit weh tust?" Das war ein wenig hinterhältig, so auf ihn einwirken zu wollen, aber ich durfte auch nicht zulassen, dass er Ethan etwas antat.

"Ich würde dich niemals verletzen wollen."

"Na also." Ich küsste ihn schnell und ließ ihm keine Chance, noch einmal auf das Thema einzugehen. "Gehst du mit mir Mittagessen? Nina hat uns eingeladen."

Cas lachte. "Du bist ein gerissenes Biest, aber ja, gern."

 

Cas versuchte wirklich, sich Ethan gegenüber zusammenzureißen und das rechnete ich ihm hoch an. Auch dass es nicht er, sondern Tammy war, die meinem Bruder die Nase brach, sprach für Cas. Ich nahm es Tammy absolut nicht übel. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was ich tun würde, wenn mir jemand Cas nehmen würde und dann plötzlich vor mir steht. Ich kam zu dem Schluss, dass die Nase in meinem Fall wohl nicht das einzige gewesen wäre, dass ich zertrümmert hätte. Schnell schob ich den Gedanken wieder zur Seite.

Ethan begann beim Training mitzumachen und im Gegenteil zu mir fiel ihm das Zaubern leichter als der Umgang mit der Klinge. Es ging allerdings nicht mehr lang, bis Samuel uns alle zusammenrief. Es war Zeit in die Stadt zurückzukehren.

Es wurden Pläne geschmiedet, ganz bestimmte Szenarien trainiert und schließlich jedem seine Aufgabe zugeteilt. Diese Rebellion würde ein Ende finden, die Lügenherrschaft der Regierung würde endlich gestürzt werden. Ich hatte Glück, oder auch Unglück, was meine Aufgabe anging: ich würde mit Cas, seinem Vater, Nina, Kate, Pascal und ein paar anderen die Gruppe bilden, die bis ins Herz der Regierung vordringen und sie zum Rücktritt zwingen sollte. Das Gute war, dass ich mit den Besten der Besten zusammen war, auf die ich mich hundertprozentig verlassen konnte und dass ich mit Cas zusammen war, das Schlechte daran war, dass das die Gruppe mit der gefährlichsten Aufgabe war. Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommen würde.

Ihr denkt, dass wir Angst gehabt haben müssen oder vor Tatendrang nur so sprudeln? Taten wir nicht. Seitdem klar war, wann wir wie handeln würden, lag eine tiefe Spannung über uns allen, die weder Angst noch Aufgedreht zuließ. Wir warteten nur noch darauf, dass es losging.

Falls ihr jemals in eine ähnliche Situation geraten solltet, tut das, was ihr für richtig haltet, das was euer Herz euch sagt. Alles andere würdet ihr auf ewig bereuen. Auch ich bereue vieles, aber sicher nicht, dass ich gekämpft habe.

 

 

 

 

 

Nach oben

Dies ist eine kostenlose Homepage erstellt mit hPage.com.