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Teil 3

 

 

Mein Name ist Luna Pettyfer. Das letzte Mal habe ich euch davon erzählt, wie mein Leben sich verändert hat. Das war sehr schwer für mich, alles loszulassen und von vorn zu beginnen, auch wenn es das richtige war. Das ich mich für Cas und die Blades entschieden habe, hat mich einiges gekostet, aber der Kampf für meine Freiheit ist noch viel schlimmer.

Davon möchte ich euch jetzt erzählen. Natürlich geht es bei diesem Kampf nicht nur um meine Freiheit, sondern auch um eure Freiheit und um die Freiheit der nächsten Generationen. Ihr müsst wissen, dass es kein Zuckerschlecken ist für seine Überzeugungen einzustehen, aber ich bin mir sicher, dass es das Richtige ist. Und deswegen werde ich weiterkämpfen.

Als ich die Wylder vor einigen Monaten verlassen habe, wusste ich, dass sich einiges ändern würde, auch das ich mich ändern würde. Aber mir war nicht ganz klar, wie viel neues ich erfahren und lernen würde. Und genau damit muss ich meine Erzählung beginnen.

 

"Okay, also wir müssen ganz langsam anfangen. Ich weiß ja nicht, was für Zauber du im Haushalt schon angewandt hast." Den letzten Teil ihres Satzes formulierte Nina mehr wie eine Frage, als wie eine Anleitung. Nina war ein paar Jahre älter als ich und eine der ersten Wylder gewesen, die die Seite wechselten. Jetzt sollte sie mir helfen zu lernen mein volles magisches Potential zu nutzen.

"Wenige. Einfache Lichtzauber meistens. Manchmal auch einen kleinen Wärmezauber um unserem altersschwachen Herd auf die Sprünge zu helfen." Antwortete ich ihr.

"Das ist doch schon einmal eine gute Basis. Dann können wir ja mit den Wärmezaubern anfangen. Cas hat mir erzählt, dass er dir den Feuerzauber schon mal gezeigt hat."

"Ja schon, aber ich hab mich nicht getraut ihn nachzumachen. Ich hatte Angst, dass ich die Flammen nicht kontrollieren könnte und meine Hand dann wirklich in Flammen steht." Nina lachte, was mich leicht verunsicherte. Cas hatte mich gewarnt, dass Ninas Humor gewöhnungsbedürftig war, aber er hatte auch gemeint, dass man trotzdem gut mit ihr zurecht kam.

"Das sieht ihm ähnlich, gleich mit der schwierigsten Stufe dieses Zaubers anzufangen. Mach dir keine Sorgen, ich weiß wie es dir geht. Wir fangen leichter an." Ich lächelte unsicher. Ich war nie eine sonderlich gute Zauberin gewesen. Meine Lust diese ganzen Zauber auszuprobieren war dementsprechend groß.

"Nehmen wir erst mal die Steinplatte hier, die ist eurem Herd am ähnlichsten. Wärm sie auf."

"Die ganze Platte?"

"Klar. Sie muss ja nicht anfangen zu glühen oder so, nur wärmer werden." Ich konzentrierte mich und schaffte es nach mehreren Versuchen tatsächlich den Stein so zu erhitzen, dass man die Hand eher ungern darauf liegen ließ. Wir machten noch mehr Übungen, mit unterschiedlichen Materialien. Nina machte mir immer genauere Vorgaben, wie sehr ich es zu erhitzen hatte. Als letztes stellte sie ein Glas vor mich hin und meinte, ich solle es schmelzen.

"Das kann ich nie im Leben." Meinte ich.

"Ach das klappt schon. Du hast dir doch auch den begehrtesten Jungen des Viertels geschnappt, da wirst du doch wohl so ein Glas einschmelzen können. Du musst einfach nur loslassen." Ich sah Nina an und versuchte aus ihren Worten schlau zu werden. Bevor ich etwas sagen konnte, wies sie jedoch noch einmal auf das Glas. Also versuchte ich alle Konzentration aufzubringen, die ich noch hatte und ließ sie auf das Glas los. Dummerweise schmolz es nicht, sondern zersprang. Es machte einen Höllenlärm.

"Oh mein Gott. Das... Das wollte ich nicht." Vorsichtig sah ich mich um. Der Tisch hatte jetzt einige Macken, aber ich hatte zum Glück keine Scherben abbekommen. Leider hatte Nina dieses Glück nicht gehabt. Sie hatte eine blutige Wunde am Arm. "Das tut mir total leid. Ich wollte echt nicht, dass das passiert. Ist sonst alles in Ordnung?"

"Mach dir keine Sorgen, ist nur ein Kratzer." Nina stand auf und lief zu einem Verbandskasten an der Wand. Gekonnt legte sie sich mit der freien Hand einen Verband um den Arm, bevor ich auch nur aufgestanden war um ihr zu helfen.

"So was passiert ständig. Als ich hier angefangen habe mich auszuprobieren, ist aus Versehen der Tisch zusammengekracht und meinem Ausbilder so auf den Fuß gefallen, dass er tagelang nur an Krücken gehen konnte."

"Wirklich?"

"Ja. Du hättest Cas' Gesicht sehen sollen, als ich seinen Vater so zugerichtet nach Hause brachte. Ich glaube er ist mir heute sogar noch ein bisschen böse, weil er danach eine Weile mit Robin trainieren musste. Das hat ihm mit dreizehn noch überhaupt keinen Spaß gemacht."

"Cas' Vater hat dich trainiert?"

"Klar. Er hat am Anfang eigentlich alle Neuen trainiert. Schließlich ist diese ganze Rebellion auf seinem Mist gewachsen." Während sie mit mir sprach, räumte Nina die letzten Überreste unseres Unterrichts weg. "Hast du das nicht gewusst?"

"Nein. Das hat Cas mir nie erzählt."

"Das sieht ihm mal wieder ähnlich. Aber das seine Mutter eine Wylder war, das weißt du schon, oder?"

"Ja, das schon."

"Nachdem sein Vater Cas in dem Heim gefunden hatte, wollte er alles dafür tun, dass nicht noch mehr Kinder so ein Schicksal erleiden müssen. Außerdem hat er Cas' Mutter wirklich geliebt und er will, dass endlich alle selbst wählen dürfen, wen sie heiraten. So hat er es den Anderen damals natürlich nicht gesagt. Es ist ja nicht so, dass die Blades immer schon wussten, dass das Klassensystem Schwachsinn ist. Sie haben genauso daran geglaubt wie jeder andere auch. Nur mussten sie sich immer fragen, warum alles Schlechte angeblich immer ihre Schuld sein sollte. Das hat sie natürlich empfänglich für revolutionäre Gedanken gemacht."

"Du klingst wie ein Geschichtsbuch."

"Entschuldige. Mir wurde das alles nur so oft erzählt, dass es schon ganz normal für mich ist."

"Schon okay." Antwortete ich, "Warum müssen denn die Blades jetzt immer als Sündenbock herhalten?"

"Weil die Regierung so ihre Macht behalten kann. Dadurch, dass sie den Wyldern erzählen, dass die Blades ein gemeinsamer Feind sind, hinterfragen die Wylder das Klassensystem nicht sondern akzeptieren es. Außerdem müssen die Politiker so nicht zugeben, dass auch sie mal Fehler machen."

"Also geht es eigentlich nur darum, dass die Blades keinen Bock mehr haben die Bösen zu sein. Cas hat erzählt, es ginge darum, dass die Freien nicht länger ausgestoßen und die Wylder nicht länger unterdrückt werden."

"Das stimmt ja auch. Das ist alles ein Teil davon, aber es geht um mehr. Es geht um Freiheit, darum selbst entscheiden zu können." Ich nickte und versuchte zu begreifen, was Nina mir erzählte. "Du nimmst das alles ziemlich locker auf."

"Klar, warum auch nicht?"

"Naja, man lernt hier doch von klein auf, dass Freiheit etwas schlechtes ist. Ich meine, uns wird ja sogar erzählt, dass der große Krieg ausgebrochen ist, weil die Menschen zu viel Freiheit gehabt hatten."

"Ich schätze, dass ich einfach aufgehört habe mich über Dinge zu wundern, als ich Cas kennen gelernt habe."

"Scheint wohl so." Wir räumten noch den Tisch und die Stühle weg und verließen den Raum, bevor ich mich traute die nächste Frage zu stellen.

"Wie hast du das gemeint vorher, dass ich mir den begehrtesten Jungen des Viertels geschnappt hätte?"

"Ach, nur so. Ich bin sicher dir ist klar, was für eine gute Partie Casper ist." Als ich nicht antwortete, sah Nina mich an. "Ich meine, als Sohn des Anführers? Und hast du gemerkt, wie leicht er Magie wirken kann? Und mal ganz abgesehen davon, wie gut er aussieht, wenn er ohne T-Shirt trainiert, niemand beherrscht die Klinge so gut wie er. Das muss dir doch bewusst sein."

"Naja, ich hab da nie drüber nachgedacht."

"Du hast dich einfach in ihn verliebt." Ich zuckte mit den Schultern. "Das kann dir auch wirklich niemand verdenken, aber du bist halt wahrscheinlich nicht die Einzige."

"Ich dachte du hast einen Freund?" War das der Grund, warum die Regierung die Heirat organisierte und die Liebe neu definiert hatte? Sobald Nina mir erzählte, dass auch andere Mädchen gerne mit Cas zusammen wären, hatte ich das Gefühl mit ihnen in Konkurrenz treten zu müssen. Das verwirrte mich viel mehr, als das, was Nina mir über Freiheit gesagt hatte, weil ich es absolut nicht einordnen konnte.

Nina lachte. "Ich spreche ja auch nicht von mir, wobei ich ja nicht blind bin, nur weil ich vergeben bin. Ich wollte dich nur vorwarnen - die Mädchen hier sind etwas direkter, als du es vielleicht gewohnt bist."

Ich nickte, unsicher was ich sagen sollte. Danke für die Warnung? Schön, dass ich jetzt was habe, über das ich mir Sorgen machen kann?

 

Das war meine erste Erfahrung von Eifersucht. Damals wusste ich noch nicht, dass es Eifersucht war - dieses Wort existierte bei den Wyldern nicht einmal. Aber es blieb nicht das letzte Mal, dass ich in dieses Konkurrenzdenken abrutschte. Ihr habt gedacht, ich sei nicht so der eifersüchtige Typ? Tja, da habt ihr euch genauso getäuscht wie ich.

Ein paar Tage nach meinem Unterricht mit Nina, trainierte ich zum ersten Mal mit der Klinge. Seit ich bei den Blades war, hatte ich Aufbau- und Reflextraining machen müssen und laut meinem Trainer konnte ich das mehr oder weniger gut. Besser auf jeden Fall, als das mit dem Zaubern klappte. Als er mich endlich entließ, hatte ich verstanden, warum man zunächst einmal Aufbautraining machen sollte: mir tat einfach jeder Muskel weh. Wenn ich mich noch richtig hätte bewegen können, wäre ich wohl unter die Dusche geflüchtet, aber so humpelte ich mehr.

Danach ging es mir besser, zumindest konnte ich wieder aufrecht laufen. Als ich schon fast zur Tür raus war, fiel mir auf, dass ich noch etwas im Trainingsraum vergessen hatte, also ging ich zurück um es zu holen.

 

Entgegen meinen Erwartungen fand ich den Trainingsraum nicht leer vor. Cas stand am anderen Ende des Raumes und unterhielt sich mit zwei Mädchen. Er hatte den einen Arm lässig gegen die Wand gelehnt und obwohl ich ihn nur von hinten sehen konnte, machte mein Herz bei seinem Anblick einen kleinen Sprung. Manchmal nervte mich das schon fast.

Als ich näher kam, bemerkte ich, dass die zwei Mädchen ziemlich hübsch waren. Natürlich waren sie beide schlank und sportlich, so wie fast alle Blades, aber Gesichter hatten etwas besonderes an sich. Die Eine hatte ziemlich große Augen, die sie gekonnt mit ein wenig Make-Up in Szene gesetzt hatte und die andere hatte tolle Locken, die sie gerade über ihre Schulter zurückstreifte und Cas dabei ein kleines Lächeln zu warf. Vielleicht lag es an dem, was Nina mir erzählt hatte, aber ich fühlte mich beleidigt. Ich hatte zwar noch nie gesehen, dass sich Mädchen so verhielten, aber ich wusste instinktiv, dass sie versuchten Cas zu gefallen und das gefiel mir gar nicht.

"Hey." Ich stellte mich zu ihnen und küsste Cas schnell auf die Wange. Dann legte ich vorsichtig meine Hand in seine.

"Hey." Antwortete er. "Und wie war das Training?" Natürlich hatte er nicht vergessen, dass ich heute zum ersten Mal mit der Klinge umgehen durfte. Ich schätze, dass ich ihm normalerweise die Wahrheit gesagt hätte, aber vor den beiden Mädchen wollte ich nicht zugeben, wie anstrengend es gewesen war.

"Es ist ganz anders als ich es erwartet habe. Aber es macht Spaß." Cas lächelte und irgendwie glaubte ich, dass er wusste, dass ich nicht ganz die Wahrheit sagte. "Möchtest du mich nicht vorstellen?" Fragte ich ihn, bevor er näher darauf eingehen konnte.

"Doch natürlich. Das sind Kate und Laureen. Wir kennen uns schon seit der Grundschule, aber haben uns zwischenzeitlich dann doch aus den Augen verloren." Er zeigte nacheinander auf die mit den großen Augen und anschließend auf die mit den Locken. Die Zwei lächelten zuckersüß und ich wurde den Eindruck nicht los, dass mit diesem Gesichtsausdruck etwas nicht stimmte.

"Wir haben gerade mit Cas über sein Training gesprochen und ob er nicht mal ein wenig Zeit hätte uns zu unterrichten. Wir haben bis jetzt leider nicht so viel über den Umgang mit der Klinge gelernt."

"Wirklich? Vielleicht könnt ihr ja einfach mal mitmachen, wenn er mit mir trainiert. Du hast mir doch versprochen mit mir zu üben, nicht wahr?"

"Sobald Robin sein Okay gibt." Cas sah zu mir herunter und ich konnte in seinen Augen lesen, dass er leicht verwirrt war. Ich lächelte und antwortete: "Gut.", bevor ich mich auf Zehenspitzen stellte und ihn küsste. Im Nachhinein war es mir ziemlich peinlich, wie ich mich verhielt, aber in diesem Moment wollte ich den zwei Schnepfen einfach nur zeigen, dass sie Cas nicht haben konnten. Er gehörte zu mir.

Ich spürte, dass Cas überrascht war, aber als ich nicht locker ließ, erwiderte er meinen Kuss und zog mich näher zu sich heran. Dann gab es plötzlich nur noch ihn und mich und alles andere war vergessen. Alles was zählte waren seine Lippen auf meinen und seine Hände an meinen Hüften. Meine Finger vergruben sich ganz automatisch in seinen Haaren.

Als wir uns schließlich wieder voneinander lösten, blickte Cas noch verwirrter drein als zuvor. Ich warf einen vorsichtigen Blick auf Laureen und Kate und stellte fest, dass sie nun nicht mehr lächelten. Im Gegenteil, sie sahen so aus, als hätten sie gerade erst in eine Zitrone gebissen. Jetzt war es an mir, leise zu lächeln.

"Wir sollten dann mal gehen." Meinte Kate nach ein paar Sekunden, in denen Cas immer noch mich angesehen hatte. Erst da blickte er wieder auf.

"Okay. Bis demnächst mal." Ohne zu antworten, gingen Kate und Laureen an uns vorbei und verließen den Raum. Sobald Cas mich wieder ansah, gab ich ihm noch einen schnellen Kuss, einfach, weil er mir immer noch so nah war. "Wir sehen uns heute Abend." Flüsterte ich, bevor ich mich von ihm löste, meine Trinkflasche schnappte und mich auf den Weg nach draußen machte. Erst im Gang holte Cas mich ein.

"Was war das denn grade?" Ich blieb stehen und sah ihn an. Irgendwie war er echt süß, wenn er so aufgeregt war. Seine Haare waren noch leicht verwuschelt, seine Wangen leicht gerötet und seine Augen schienen direkt in mich hineinzusehen. Vermutlich hätte ich es nicht geschafft zu antworten, wenn nicht in dem Moment ein Mann an uns vorbei gelaufen wäre und Cas angesprochen hätte.

"Du kommst gleich aber schon zum Training, oder?"

"Klar, ich bin gleich da." Antwortete er, wartete ab bis der Mann um die nächste Ecke verschwunden war uns zog mich in einen kleinen Nebenraum.

"Also? Wofür war der Kuss?"

"Einfach nur so." Log ich.

"Ach komm. Ich kenne dich besser. Normalerweise wirst du doch schon rot, wenn ich auch nur deine Hand halten will." Dass ihm das aufgefallen war, ließ mich jetzt erröten. "Du warst sowieso ganz komisch zu Kate und Laureen. Hast du was gegen sie?"

"Ich kenne sie doch gar nicht."

"Und trotzdem warst du so eigenartig." Cas sah mich forschend an und am liebsten wäre ich seinem Blick ausgewichen. Er kannte mich viel zu gut, so gut, dass er meistens in mir lesen konnte wie in einem offenen Buch. Dieses Mal natürlich auch. "Bist du eifersüchtig?"

"Was?" Fragte ich. Wovon sprach er da? Ich hatte keine Ahnung was das bedeuten sollte.

"Du bist eifersüchtig." Cas lachte, was mir in dieser Situation irgendwie unangemessen erschien.

"Was heißt das denn?"

"Entschuldige. Ich vergesse manchmal, dass die Regierung dieses Wort aus dem Vokabular gestrichen hat, als sie die Liebe neu definierte." Endlich sah er mich wieder an, aber dieses Mal war sein Blick nachsichtiger, weniger verwirrt. "Eifersucht ist das nagende Gefühl, das man bekommt, wenn man seinen Freund oder seine Freundin mit anderen zusammen sieht. Genau hier." Er pikste mir einmal mit dem Finger in den Bauch und ich wich zurück. Er wusste genau, wie kitzlig ich war. "Und dabei habe ich mich nur mit zwei alten Freundinnen unterhalten." Er kam mir immer näher und ich wich weiter zurück, bis ich die Wand im Rücken spürte. "Das ist echt süß." Cas stand jetzt so dicht vor mir, dass uns nur wenige Zentimeter trennten. Er hatte die Arme neben meinem Körper gegen die Wand gestützt, sodass ich ihm unmöglich entkommen konnte. Mein Herzschlag beschleunigte sich und mein Atem ging flacher. Musste ich wirklich immer so auf seine Nähe reagieren?

"Ist es schlimm, wenn ich eifersüchtig bin?" Brachte ich heraus.

"Nein, gar nicht. Ich bin auch manchmal eifersüchtig. Darauf, wie viel Zeit du mit Robin verbringst - der ja fast wie mein großer Bruder für mich ist, oder darauf, wie manche Jungs dich ansehen. Manchmal würde ich ihnen dafür am liebsten eine reinhauen."

"Das wusste ich nicht."

"Das macht nichts. Es ist ganz normal, eifersüchtig zu sein. Vielleicht ist es sogar ganz gut für eine Beziehung. Ich meine, sonst hättest du mich niemals so geküsst wie gerade eben." Cas entlockte mir mit seinen Worten ein Lächeln bevor er seine Lippen vorsichtig auf meine legte. Als er sich wieder von mir entfernte hörte ich Schritte auf dem Gang.

"Cas?" Rief jemand, "Wo auch immer du bist, komm endlich. Wir wollen mit dem Training anfangen!" Cas grinste in sich hinein und wir warteten, bis die Schritte sich wieder entfernt hatten, bevor wir wieder sprachen.

"Du solltest gehen." Meinte ich.

"Ach, die halten es auch ein paar Minuten ohne mich aus." Er reichte mir die Hand und half mir aus der Ecke heraus, in die ich zurück gewichen war. "Ich muss dir noch eine Sache sagen." Er zog mich wieder dichter zu sich heran, ließ meine Hände dabei aber nicht los. "Du hast absolut keinen Grund um eifersüchtig zu sein, das ist dir doch klar? Für mich gibt es nur dich und keine Andere. Egal wie lange sie mir schöne Augen machen, okay?" Ich nickte langsam, zu mehr war ich irgendwie nicht imstande. Cas lächelte und küsste mich auf die Stirn. "So und jetzt sollte ich wirklich gehen."

 

Das scheint jetzt nicht viel mit einem großen Kampf zu tun zu haben, aber es ist trotzdem ein Teil dessen. Ihr müsst wissen, dass ich nicht von einem Tag auf den anderen von einer Wylder zu einer Blade geworden bin, sondern dass es eben eine Weile ging und die Dinge die ich gelernt habe, waren eben ein wichtiges Puzzlestück in diesem Vorgang. Dazu gehört das Zaubern genauso wie der Umgang mit der Klinge, aber auch alles, was ich über die Regierung erfahren habe und ja, auch das was ich mit Cas über die Liebe und über Eifersucht gelernt habe.

Außerdem habe ich mir gedacht, dass es vielleicht ganz nett ist, mit positiven Dingen zu beginnen und nicht gleich mit Tod und Verlust. Dazu kommen wir bestimmt noch früh genug.

Und nur falls ihr euch fragt: Kate und Laureen sind eigentlich gar nicht so übel. Sie haben sich sogar bei mir für Verhalten entschuldigt. Mittlerweile kommen wir ziemlich gut miteinander aus.

Ein paar Tage nach der eigenartigen Begegnung in der Trainingshalle, kam Cas auf etwas zu sprechen, dass ich schon fast vergessen hatte: die Sterne. Natürlich war ich begeistert von der Idee, übers Wochenende die Stadt mit ihm zu verlassen und so weit zu fahren, dass wir die Sterne sehen konnten. Also handelten wir mit seinem Vater und meinen Trainern aus, dass wir frei bekamen und fuhren am Freitag Morgen los. Ich war mal wieder total aufgeregt, aber schließlich aus gutem Grund. Ich würde ein ganzes Wochenende nur mit Cas verbringen.

 

"Und, bist du schon neugierig?" Fragte Cas mich. Ich drehte den Kopf und sah ihn an. Entgegen meinen Erwartungen blickte er zurück.

"Sieh nach vorn!" Gab ich zurück. Er grinste und verdrehte die Augen, gab meiner Bitte aber nach. Es mag ja sein, dass er schon oft gefahren war, auch weit gefahren war, aber er fuhr trotzdem wie der Teufel. Schon auf dem Beifahrersitz hatte ich die ganze Zeit um mein Leben, wenn er die Tachonadel mal wieder viel zu hoch trieb, knapp überholte oder viel zu dicht auffuhr. Schon mehrmals hatte ich mich vor meinem inneren Auge an irgendeiner Frontscheibe kleben sehen.

"Ich bin ein guter Fahrer."

"Du bist viel zu schnell." Antwortete ich. Er sah kurz auf den Tacho und gab noch mehr Gas. "Cas!"

"Ist ja gut." Er wurde endlich mal langsamer. Ich atmete tief durch.

"Danke."

"Deswegen warst du so angespannt? Weil ich dir zu schnell gefahren bin?"

"Ja, auch."

"Und sonst?" Ich zögerte bevor ich ihm antwortete. Er hatte schon so viel erlebt, da hatte ich Angst, dass er mich vielleicht auslachen könnte.

"Ich bin noch nie außerhalb der Stadt gewesen." Gab ich zu.

"Echt nicht? Du bist nie mit deinen Eltern an den See gefahren? Nie irgendwie übers Wochenende irgendwohin campen?"

"Nein. Ich glaube, die wenigsten Wylder verlassen jemals die Stadt, deswegen habe ich auch nie danach gefragt. Ich glaube, man erzählt uns in der Schule nicht einmal, was außerhalb der Stadtmauern liegt."

"Das tut mir leid."

"Wieso?"

"Weil es nichts schöneres als die Natur gibt. Innerhalb der Stadt fühle ich mich eingesperrt und kontrolliert, aber sobald ich sie verlassen habe, da ist es, als würde ich endlich lebendig werden." Ich hörte Cas gespannt zu, bevor ich wieder aus dem Fenster sah. Wiesen, Bäume, Hügel und Felder zogen an uns vorbei, sodass ich kaum den Blick davon lösen konnte. Ich hatte noch nie so viel grün auf einmal gesehen.

"Ich zeig dir was." Meinte Cas irgendwann und bog von der breiten Straße auf eine kleinere ab.

"Wo fahren wir hin?" Fragte ich ihn.

"An den See. Du musst einmal dort gewesen sein."

"Aber verlieren wir dann nicht zu viel Zeit? Kommen wir dann noch rechtzeitig um die Sterne zu sehen?"

"Morgen ist auch noch eine Nacht. Ich habe extra noch nachgesehen, ob es auch wirklich nicht bewölkt wird. Wir werden auch dann noch freie Sicht haben." Ich muss zugeben, ich war leicht enttäuscht. Seit wir diesen Ausflug geplant hatten, hatte ich mich darauf gefreut die Sterne sehen zu können und jetzt sollte ich noch einen Tag warten? Es war nur ein Tag, aber in diesem Moment kam es mir vor wie eine Ewigkeit.

Dieser Moment verging, als vor uns plötzlich der See auftauchte. Er war so viel größer als ich erwartet hatte. Auf unserer Seite fiel das Ufer flach ab, der Boden ging sanft von Gras zu Sand über. Auf der anderen Uferseite hingegen begann direkt ein Wald. Tiefhängende Äste reichten bis ins Wasser, dass dort mit Seerosen bedeckt war. Es war wunderschön und hätte ich damals bereits gewusst, was ein Märchen ist, dann hätte ich es märchenhaft genannt.

Cas hielt mitten auf der Straße an.

"Musst du nicht woanders parken?" Fragte ich.

"Es kommt fast nie jemand her, also kann ich auch hier stehen bleiben. Na los, lass uns nachsehen, wie warm das Wasser schon ist." Cas stieg aus und ich folgte seinem Beispiel. Am Ufer zog er seine Schuhe aus und krempelte seine Hose hoch. Ich beobachtete wie er ein paar vorsichtige Schritte ins Wasser machte, blieb aber im Trockenen.

"Es ist toll." Cas lächelte mir zu und winkte, dass ich ihm folgen sollte. Ich zog meine Schuhe ebenfalls aus, zögerte dann aber kurz. Den Rock meines Kleides würde ich nicht so leicht hochkrempeln können, wie Cas seine Hose. Er hatte mir den Rücken zugewandt, atmete ganz ruhig und gleichmäßig. Kurzerhand entschloss ich mich dazu, mein Kleid einfach auszuziehen und nur den kürzeren Unterrock und das Top anzubehalten. Schließlich trat ich zu Cas ins Wasser. Er hatte recht, es hatte genau die richtige Temperatur, nicht zu kalt, aber auch nicht zu warm. Es umspülte meine Füße sanft und mir fiel auf, wie sehr ich das Gefühl von Wasser auf meiner Haut vermisst hatte, seit ich das letzte Mal im Kinderschwimmkurs gewesen war.

"Ist das Wasser überall so flach?" Fragte ich Cas. Ich hatte noch ein paar Schritte mehr gemacht, sodass das Wasser mir fast bis zu den Knien reichte.

"Nein, " er schüttelte den Kopf, "irgendwo ist eine Kante und danach fällt der Grund ziemlich steil ab. Erst am anderen Ufer wird es dann wieder flacher."

"Wo ist die Kante denn?"

"Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Irgendwo hinter dir." Er grinste, aber ich verdrehte nur die Augen. Keine Ahnung woher ich den Mut nahm so direkt zu sein. Vielleicht war es einfach nur das Wasser, dass mir die Kraft dazu gab. Ich machte noch ein paar Schritte rückwärts, bis das Wasser fast den Saum meines Kleides berührte. "Kannst du bitte wieder näher kommen? Ich will nicht, dass du..." Weiter kam er nicht, denn ich rutschte aus und fiel plötzlich ganz ins Wasser - ich schätze, ich hatte die Kante gefunden. Im ersten Moment erschrak ich, wollte dann aber schon wieder zurück schwimmen um mich dann im Bruchteil einer Sekunde doch anders zu entscheiden. Die Zeit bei den Blades hatte mich schon ziemlich geprägt.

Als ich für einen kurzen Moment auftauchte, sah ich, dass Cas bereits auf mich zu kam. Es hätte mich nicht mehr als ein paar Schwimmzüge gekostet um ihn zu erreichen, aber stattdessen ließ ich mich wieder sinken, wedelte ein wenig mit den Armen und wartete ab, wie lange Cas bis zu mir brauchen würde. Als er mich endlich an der Hand packte, war ich darauf vorbereitet, zog einmal kräftig an ihm, sodass er ebenfalls das Gleichgewicht verlor und neben mir im Wasser landete. Gemeinsam tauchten wir wieder auf und ich musste laut lachen, als ich seinen erschrockenen Gesichtsausdruck sah.

"Ist... Ist alles in Ordnung? Ich dachte du kannst nicht schwimmen und dann..." Er brachte den Satz nur bruchstückhaft zustande, sah mich immer noch verwirrt an, wie ich neben ihm im Wasser schwamm. Von wegen, Blades begreifen schneller.

"Ich habe nie behauptet, dass ich nicht schwimmen kann." Langsam schien ihm aufzugehen, dass er mir in die Falle getappt war.

"Du kleines Biest. Ich muss sagen, dass ich dir das nicht zugetraut hätte." Cas grinste mich an und erst als er es erwähnte wurde mir klar, dass ich gerade Blade-typisches Verhalten an den Tag legte und nicht länger das einer Wylder. Für einen Moment stockte ich. Das war es doch gewesen, was ich gewollt hatte, oder? Ich war nicht zu den Blades gegangen um die selbe Person zu bleiben. Trotzdem war der Gedanke beängstigend. Mir fielen die vielen schrecklichen Dinge ein, die man über die Blades sagte - und jetzt gehörte ich zu ihnen. Es ist eine Lüge, was man über sie sagt, redete ich mir ein, doch so schnell vergisst man etwas nicht, dass man seit seiner Geburt hört. Aber ich war mit Cas hier und das war alles was noch für mich zählte. Das alles brach im Bruchteil einer Sekunde über mich herein, Cas hatte es nicht einmal gemerkt. "Na warte," sagte er, "so leicht kommst du damit nicht davon." Er spritzte eine handvoll Wasser nach mir, vielleicht um mir eine reelle Chance zu geben, ihm zu entwischen. Ich nutzte sie, tauchte unter und floh. Aber Cas kam mir hinterher und er war der weitaus bessere Schwimmer. Wir tobten eine Weile durchs Wasser, Cas fing mich immer wieder ein. Und immer, wenn ich mal wieder nicht schnell genug gewesen war, drückte er mir einen Kuss auf die Wange, bevor er mich wieder losließ und das Spiel von neuem begann. Irgendwann legten wir uns ans Ufer in die Sonne und ließen unsere Kleider trocknen.

Die Wärme war angenehm auf der Haut, ich fühlte mich erschöpft, aber nicht müde - es war als hätte das Wasser meine Wahrnehmung geschärft. Aber nicht nur die Wahrnehmung nach außen, sondern auch, wie ich mich selbst sah. Hier draußen, wo Cas und ich meilenweit die einzigen Menschen waren, dachte ich nicht darüber nach, was ich tat, ich tat es einfach. Ich stellte mir nicht bei jedem Satz die Frage, ob das zu sehr nach dem klang, was ich bei den Wyldern gelernt hatte oder ob es schon zu sehr nach den Blades klang um noch nach mir zu klingen. Während der letzten Wochen hatte ich mich bei den Blades immer mehr Zuhause gefühlt, ich war eine von ihnen geworden - eine Anfängerin, aber eine von ihnen - und umso mehr ich mich einlebte umso mehr kroch nachts die Angst in mein Herz, ich könnte mich selbst verlieren. Dieser Ausflug war genau, was ich gebraucht hatte. Bei Cas konnte ich einfach nur ich sein und endlich wusste ich wieder, wer das war.

"Es ist schön mit dir hier zu sein." Sagte ich irgendwann, nachdem wir gegessen hatten. Cas lächelte mich an und ich rückte ein Stück näher zu ihm. Er legte den Arm um mich.

"Ja, das ist es." Antwortete er. Unsere Klamotten waren längst trocken, gerade war die Sonne untergegangen und im Westen erhellte noch ihr letzter Schein den Himmel, während aus dem Osten die Dunkelheit immer näher rückte. Sie brachte Kälte mit sich, doch Cas breitete eine Decke über uns aus, sodass ich es nicht mehr spüren konnte.

"Ich wünschte, man könnte die Sterne sehen." Meinte ich. Der Himmel hier kam mir weiter entfernt vor, als aus der Stadt und auch dunkler, obwohl er an manchen Stellen auch heller erschien, als würde dort Licht versuchen durch einen dicken Schleier zu gelangen. Aber sobald ich mich auf die hellen Flecken zu konzentrieren versuchte, verschwammen sie noch mehr und der Himmel war für einen Moment wieder einfarbig.

"Morgen wirst du sie sehen können, versprochen. Und ich bin sicher, dass du begeistert sein wirst." Wir blieben noch eine Weile wach, mal redeten wir, mal lauschten wir den Geräuschen um uns herum und irgendwann schliefen wir nebeneinander ein.

 

Am nächsten Tag fuhren wir weiter. Cas schien jetzt gelassener zu sein, als hätte die Nacht am See ihn ebenso beruhigt wie mich. Auch wenn ich ihn immer noch alle halbe Stunde darauf hinweisen musste, fuhr er jetzt langsamer als am Tag zuvor. Erst am Nachmittag erreichten wir einen Parkplatz, auf dem Cas den Wagen abstellte.

"Den Rest müssen wir zu Fuß gehen." Der Parkplatz befand sich am Rand eines Wäldchens, dass auf einem zunächst sehr flachen, aber dann rasch ansteigenden Hügel wuchs. Umso länger ich nach oben sah, umso überzeugter war ich, dass es schon mehr ein Berg wie ein Hügel war. "Es gibt auf etwa 250 Metern Höhe ein kleines Flachstück, dass sich wunderbar zum Campen eignet. Dort wollen wir hin, ich denke, dass wir in etwas weniger als einer Stunde dort sein müssten."

"Und von dort kann man die Sterne sehen?" Fragte ich.

"Ja, kaum zu glauben, dass ein so geringer Höhenunterschied so viel ausmachen kann, oder?" Cas holte den kleinen Rucksack aus dem Kofferraum und reichte ihn mir, selber behielt er noch den größeren und den Picknickkorb.

Wir redeten nicht viel, während wir bergauf liefen, aber das störte mich nicht. Es war auch schön einfach nur neben Cas herzugehen. Als wir oben ankamen war ich total aufgedreht, sodass ich kaum still stehen konnte. Wir picknickten in Ruhe, aber meine Ungeduld legte sich erst, als der Himmel begann sich rot zu färben. Ich kuschelte mich eng an Cas und starrte in den Himmel, traute mich kaum zu zwinkern um ja das Auftauchen des ersten Sterns nicht zu verpassen.

"Dort wird der erste Stern auftauchen, der Abendstern." Cas zeigte in eine bestimmte Richtung. "Das lustige daran ist, dass es gar kein Stern ist, sondern ein anderer Planet, die Venus. Ähnlich wie der Mond wird sie von der Sonne aber so hell beleuchtet, dass es aussehen wird wie ein Stern." Ich erinnerte mich daran, wie wir den Mond in der Schule behandelt hatten, auch die anderen Planeten unseres Sonnensystems, aber ich hatte nicht gut aufgepasst. Warum sollte ich mich für etwas interessieren, dass ich sowieso nicht sehen konnte?

"Da!" Als der Stern auftauchte verschwand auch der Rest meiner Unruhe. Ich war fasziniert davon, wie er leuchtete und wie klein er war. Minutenlang starrte ich ihn einfach nur an, bis Cas mich anstupste und ich plötzlich immer mehr Sterne sehen konnte. Es tauchten so viele davon am Nachthimmel auf, dass ich bald nicht mehr zwischen denen unterscheiden konnte, die ich schon gesehen hatte und denen, die gerade erst aufgetaucht waren. Ich versuchte zu schätzen, wie viele es waren, aber es gelang mir nicht. Aber umso länger ich sie betrachtete umso unwirklicher kamen sie mir vor und umso mehr ich über sie nachdachte, umso unwichtiger kam ich mir vor. Plötzlich war ich ganz klein und der Himmel war so groß, so unendlich weit.

"Gefällt es dir?" Flüsterte Cas.

"Es ist wunderschön." Antwortete ich ohne den Blick vom Himmel zu lösen. Ich hörte Cas neben mir leise lachen, bevor er mir einen Kuss auf die Wange drückte. Das erregte dann doch meine Aufmerksamkeit und ich sah ihn an. Er lächelte und verschränkte er seine Finger mit meinen. Anschließend hob er seine freie Hand und begann mit Zauberkraft leuchtende Linien in die Luft zu malen, die die Sterne verbanden: er zeigte mir die Sternbilder die er kannte und erzählte mir die Geschichten dazu, die sein Vater erst seiner Mutter und später auch ihm erzählt hatte.

Irgendwann lagen wir wieder schweigend nebeneinander, sahen uns an. Cas beugte sich um mich zu küssen und ich erwiderte seinen Kuss. Die Weite um mich herum schien meine Gefühle noch zu verstärken und ich nahm alles intensiver wahr als sonst. Cas schien es nicht anders zu gehen und unser sanfter Kuss wurde fordernder, als Cas seine Hand an meine Hüfte legte und mich noch näher zu sich zog. Ich spürte nur noch ihn, selbst der Boden unter uns schien zu verschwinden, als würden wir schweben. Hätten wir es getan, es hätte mich nicht überrascht und es hätte mich auch nicht gestört.

Cas' Hand wanderte tiefer, unter meinen Rock. Jede einzelne seiner Berührungen schien elektrische Impulse durch meinen Körper zu jagen. Auf einmal tauchte in meinem Kopf doch noch ein klarer Gedanke auf: Eine Wylder tut so etwas nicht. Sofort danach dachte ich: egal, ich bin eine Blade, aber es war zu spät. Der Augenblick, in dem es nur Cas und mich gegeben hatte war vorbei. Plötzlich nahm ich meine Umgebung wieder wahr, Cas fordernde Küsse an meinem Hals, wie seine Hand unter mein T-Shirt wanderte.

"Stopp." Flüsterte ich tonlos, zu mehr war ich nicht im Stande. Erst dachte ich, Cas hätte mich nicht gehört, aber dann hielt er doch inne. Da ich nicht reagierte, sah er mich an. Ich konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass er merkte, dass etwas nicht stimmte. Er zog sich zurück. Als mir klar wurde, was ich gerade getan hatte und was ich gerade fast getan hätte, wurde ich rot. Schnell setzte ich mich auf und wandte Cas den Rücken zu, damit er es nicht sehen konnte.

"Ich kann das nicht." Sagte ich ohne es wirklich zu wollen. Ich spürte wie mir Tränen in die Augen schossen, wusste aber nicht wirklich warum.

"Tut mir leid." Sagte Cas, "Ich habe mich vergessen und..."

"Nein, schon okay." Fiel ich ihm ins Wort. "Ich meine, ich will dich ja, aber... Es ist nur so dass..." Genervt stöhnte ich auf, weil ich es nicht schaffte den Satz zu beenden. Ich spürte wie Cas mich vorsichtig an der Hand berührte und sah ihn an. Er hatte sich ebenfalls aufgesetzt und streckte jetzt zögernd die andere Hand nach meinem Gesicht aus um mir die Tränen von den Wangen zu streichen.

"Schon gut." Sagte er, "Ich kann warten." Dann berührte er nur ganz leicht mit den Lippen meine Stirn, fast als hätte er Angst, dass ich ihn noch einmal zurückweisen könnte. Ich hielt ihn zurück, als er sich wieder von mir entfernen wollte. Ich hatte die Unsicherheit in seinem Blick gesehen, die immer nur auftauchte, wenn wir allein waren. Er ließ sie niemand anderen sehen, nur mich.

"Du, du weißt doch, dass ich dich nicht hier herauf gebracht habe um... Das denkst du doch nicht, oder?" Brachte er zögernd heraus.

"Nein, natürlich nicht." Hatte er wirklich geglaubt, ich könnte so schlecht von ihm denken? Er sah erleichtert aus und ich war froh, als er mir wieder näher kam. Immer noch vorsichtig, aber immerhin. Er legte die Stirn gegen meine, so wie er es an dem Abend gemacht hatte, als er mich zum ersten Mal geküsst hat, dem Abend, an dem ich mich für ihn entschieden habe.

"Du bist viel zu gut für mich." Meinte ich leise. Er sah erstaunt aus, als wäre er nie auf die Idee gekommen, dass ich so etwas denken könnte. Ich meinte es nicht so, wie Nina es gemeint hatte, meinte nicht seine Fähigkeiten mit der Klinge noch sein Geschick mit der Zauberkraft sondern seinen Charakter. Als ich ihn kennenlernte, dachte ich er wäre schlecht, weil er ein Blade war. Aber mittlerweile hatte ich erkannt, dass er besser war als viele der Wylder, die ich gekannt hatte.

"Nein," widersprach er mir, "ich bin lange nicht gut genug.

 

Ihr erwartet bestimmt, dass ich euch erzähle, wie ich mich gefühlt habe. Aber ich kann es nicht in Worte fassen. Irgendwie herrschte in mir drin ein totales Gefühlschaos und gleichzeitig fühlte ich mich nach unserem Ausflug so ausgeglichen wie nie zuvor. Mir war endlich klar geworden, dass ich mich geändert hatte, aber dass das etwas gutes war und auf der anderen Seite wusste ich jetzt auch, dass ich mein altes Ich vermissen würde - und nur deshalb konnte ich es endgültig loslassen. Das klingt jetzt kompliziert und widersprüchlich, aber ich schwöre, dass es genau so gewesen ist.

Jetzt, wo ich mich mit meiner neuen Rolle abgefunden hatte, konnte ich mich beim Training viel besser konzentrieren, sogar im Zaubern machte ich Fortschritte. Und so kam es, dass ich eine Woche später in meinem Wohnzimmer auf dem Boden saß und versuchte bewegte Bilder aus Feuer in die Luft zu malen ohne alles abzufackeln. Seit Stunden versuchte ich es, aber alles was ich hinbekam waren statische Bilder.

 

Genervt ließ ich mich gegen das Sofa sinken. Kaum zu glauben, dass ich das nicht hinbekam. Nina meinte, ich hätte so große Fortschritte gemacht, aber das hier wollte einfach nicht klappen.

Ich wusste, dass es nicht half, wenn ich mich aufregte. Also zählte ich im Stillen bis zehn und versuchte ruhig zu atmen. Dann versuchte ich mich an schöne Momente meines Lebens zu erinnern, die positive Energie konnte vielleicht helfen und ich versuchte es noch einmal. Dieses Mal funktionierte es. Endlich rannte das Pferd! Ich freute mich so sehr, dass der Zauber außer Kontrolle geriet und ein kleines Loch in mein Sofa brannte, bevor ich das Feuer löschen konnte. Sobald ich mich wieder beruhigt hatte, versuchte ich es noch einmal und es klappte zum zweiten Mal. Dann versuchte ich es mit anderen Motiven und auch, wenn es nicht immer klappte, dass klappte es doch immer öfter.

Ich war so vertieft in meine Übungen, dass ich die Zeit vergaß. Als es klingelte erschrak ich. Konnte das schon Cas sein? Ja, er war es - mit einem großen Pizzakarton in der Hand. Wir machten es uns auf dem Sofa gemütlich, wobei ich versuchte das Brandloch so gut wie möglich unter der Decke versteckt zu halten. Von den Filmen, die im Fernsehen liefen, bekam ich nicht viel mit. Irgendwann landete ich in Cas' Armen und dann mit ihm in meinem Schlafzimmer. Dieses Mal zögerte ich nicht.

"Luna Pettyfer, du bist ein gemeines Biest." Bemerkte er, genau wie eine Woche zuvor am See.

"Stimmt. Und du bist Schuld daran. Du hast mich zu den Blades geholt." Anstatt auf eine Antwort zu warten, küsste ich ihn.

 

 

 

 

 

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