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Teil 2

 

 Seit dem geheimen Treffen waren fünf Tage vergangen, ich hatte kein Wort darüber verloren. An diesem Abend war Leys Hochzeit und ich gab mir alle Mühe mich für sie zu freuen, glücklich auszusehen, wenn ich neben ihr saß. Und ich glaube, es gelang mir ganz gut. Zumindest bemerkte sie nichts.

Die Zeremonie war schon seit Stunden vorbei, die Nacht war hereingebrochen. Alle feierten bei dem Haus, das die Familie des Bräutigams traditionellerweise gebaut hatte. Es war wirklich hübsch, klein, aber immer noch groß genug für mindestens zwei Kinder. Die Einrichtung war genau auf Leylas Geschmack abgepasst. Schon als ich den ersten Schritt über die Türschwelle gemacht hatte, hatte ich gewusst, dass es ihr hier gefallen würde.

Meine Eltern hatte ich vor einer ganzen Weile aus den Augen verloren. Ley redete fast nur noch mit Bram, ihrem jetzt Ehemann. Viele Gäste waren längst leicht betrunken und der Geruch von Alkohol, Zigarren und naja, einfach Menschen in Verbindung mit der Lautstärke von sechzig sich unterhaltenden Personen bereitete mir langsam Kopfschmerzen. Ich drängte mich zu Ley durch und gab ihr Bescheid, dass ich einmal frische Luft schnappen musste. Sie nickte nur, also ging ich hinaus.

Ich sah mich kurz um, überlegte wo ich hingehen sollte. Ich wollte ein wenig Abstand zwischen mich und die Leute bringen zumindest für eine viertel Stunde oder so. Also entschloss ich mich dazu, nach rechts zu gehen, denn ich erinnerte mich daran, dass es dort einen alten Brunnen gab, auf dessen Beckenrand ich mich setzen könnte.

Ich atmete dort einfach mal tief durch. Die kalte Nachtluft belebte mich sofort wieder und die Ruhe ließ meine Kopfschmerzen schwächer werden.

"Hey." Sagte jemand. Ich riss die Augen auf und sah mich um, konnte aber niemanden entdecken.

"Wer ist da?" Fragte ich.

"Ich bin es nur. Lauf bloß nicht wieder weg." In einer Seitenstraße ging kurz ein Licht an und ich erkannte Cas. Sobald ich wusste, wer er war, beendete er den Zauber wieder.

"Was machst du hier?" Fragte ich ihn.

"Ich habe doch gesagt, dass ich dich finden werde." Er lächelte und setzte sich neben mich. "Hast du dich schon..."

"Nein." Unterbrach ich ihn.

"Das macht nichts. Ich kann warten."

"Du solltest nicht hier sein. Heute Nacht sind hier eine ganze Menge Wylder unterwegs." Ich konnte nicht verhindern, dass ich mir Sorgen machte. Wenn er entdeckt würde...

"Keine Bange. Bevor auch nur irgendein Wylder erkennen könnte, dass ich ein Blade bin, wäre ich auch schon wieder weg. Eure Reflexe arbeiten viel langsamer als meine, weil sie über die Jahre abgestumpft sind."

"Wirklich?"

"Ja." Er sah mich kurz an, aber das reichte um mich zu überzeugen. Dann rutschte er ein Stück von mir weg und legte sich mit dem Kopf zu mir auf den Rücken. "Der Himmel hier ist so leer."

"Wie meinst du das?" Fragte ich.

"Leg dich hin." Ohne zu überlegen folgte ich seiner Aufforderung. Der Brunnenrand war zum Glück breit genug, sodass mein Kopf neben seinen passte. "Man sieht nur den Mond." Ich sah nach oben. Der Himmel war dunkelblau, so wie jede Nacht, nur um den Mond herum war es etwas heller. "Kennst du die alten Gemälde, auf denen ganz viele Lichter im Nachthimmel zu sehen sind?"

"Ja." Antwortete ich. Immer schon hatte ich wissen wollen, was sie waren, denn ich fand sie wunderschön.

"Das sind Sterne. Riesige Gasbälle, so wie unsere Sonne nur viel weiter entfernt. Tagsüber verdeckt das Licht der Sonne sie, aber nachts waren sie früher von überall her zu erkennen. Während dem Krieg wurden die oberen Luftschichten aber so sehr verschmutzt, dass man heute nicht mehr so gut hindurchsehen kann. Außerdem überdeckt das viele Licht in den Städten das Licht der Sterne, das erst einmal mehrere Milliarden Kilometer zurücklegen muss, bevor es bei uns ankommt."

"Du klingst, als hättest du sie schon einmal gesehen."

"Das habe ich. Außerhalb, weit, weit außerhalb der Stadt gibt es einen Ort, von dem aus man sie sehen kann. Es ist wunderschön dort."

"Ja, das glaube ich sofort. Ich würde die Sterne auch gerne einmal sehen."

"Wenn du willst, kann ich dich ja irgendwann mal mit dorthin nehmen. Aber es ist eine Tagesreise, bis man dort ist." Ich wandte den Kopf und sah plötzlich direkt in Cas' Augen, die nur wenige Zentimeter von mir entfernt waren.

"Ich kann keine zwei Tage von zu Hause fort bleiben." Brachte ich heraus.

"Schade."

"Ja." Umso länger ich Cas ansah, umso wirrer wurden meine Gedanken. Das Mondlicht spiegelte sich in seinen Pupillen und ich meinte fast, die Sterne in seinen Augen glitzern zu sehen. Ich atmete leicht und die Zeit verging, ohne dass irgendwer etwas sagte oder sich bewegte. Wir sahen uns nur in die Augen, aber es war wunderschön.

"Ich... Ich..." Begann ich, doch ich brachte keinen ganzen Satz zustande.

"Du solltest zurück gehen."

"Ja." Ich wandte den Blick ab. Mach dich nicht lächerlich, befahl ich mir. Dann richtete ich mich wieder auf. Als ich wieder saß, stand Cas bereits vor mir. Wieder reichte er mir die Hand, um mir aufzuhelfen, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre.

"Es ist die Hochzeit deiner Freundin, nicht wahr?"

"Ja. Ich bin ihre Brautjungfer. Woher weißt du..."

"Ich weiß so einiges." Er lächelte geheimnisvoll, lachte dann aber. "Ich habe sie von einem Dach aus ins Haus gehen sehen und wiedererkannt. Sie sah toll aus."

"Ja. Das tut sie."

"Aber nicht so wunderschön wie du." Ich sah ihn an und wurde rot, als unsere Blicke sich begegneten. Er griff in seine Tasche und zog etwas hervor. "Hier. Es ist ein Geschenk, für dich. Ich hoffe es gefällt dir, auch wenn es nicht eingepackt ist." Er reichte es mir. Es war ein kleines, gelbes Büchlein. Darauf stand: "W. Shakespeare, Romeo und Julia".

"Danke." Ich nahm es an mich. Noch nie hatte ich so ein Buch gesehen und als ich das Papier berührte, spürte ich sofort, dass es alt war. Sehr alt.

"Es ist eigentlich ein Theaterstück, aber es wird nicht mehr aufgeführt. Mein Vater hat gesagt, dass es seiner Mutter gehört hat, sie hat es sehr geliebt. Ich habe es auch gelesen und naja, ich dachte, vielleicht gefällt es dir ja." Er sah mich an und zum ersten Mal entdeckte ich Unsicherheit in seinem Blick.

"Ganz bestimmt wird es das." Antwortete ich.

"Es ist so, die Regierung mag das Stück nicht sonderlich gern, genau genommen haben sie es verboten. Versteck es also bitte gut. Niemand darf es finden."

"Okay, das mache ich." Wieder sahen wir uns einen Moment lang an. Dann blickte Cas über meine Schulter in die Straße hinein, aus der ich gekommen war.

"Du solltest wirklich gehen, bevor sie einen Suchtrupp nach dir ausschicken."

"Ja, wahrscheinlich."

"Tschüss." Cas beugte sich herunter und küsste mich auf die Wange. "Ich komme bald wieder." Dann sah er mich wieder an. Mir wurde klar, dass wenn ich jetzt nicht ging, ich womöglich niemals gehen würde. Also drehte ich mich um und ging davon. Ich versuchte wirklich, nicht zurückzublicken, doch schon nach ein paar Metern wurde das Verlangen zu groß. Cas war schon verschwunden.

Ich hob die Hand an mein Gesicht und berührte die Stelle an der seine Lippen mich gestreift hatten. Es schien fast so, als könnte ich sie noch immer auf der Haut spüren.

 

Ich bin damals eine ganze Weile dort gestanden, bis ich mich dazu entschloss das Büchlein einfach unter mein Kleid zu stecken. Die ganze Zeit über hatte ich Angst, es könnte herausfallen, aber das tat es nicht. Zum Glück verließen meine Eltern und ich die Party bald darauf. Sobald ich allein in meinem Zimmer war, begann ich zu lesen.

Ich las das ganze Stück in dieser einen Nacht durch. Es war das schönste und traurigste was ich jemals gelesen hatte. Erst fiel es mir schwer zu verstehen, worum es ging, aber irgendwann begriff ich es. Die Geschichte spielte vor so langer Zeit, zu einer Zeit in der es noch keine Klassen gab und trotzdem durften Romeo und Julia nicht zusammen sein. Doch sie liebten sich so sehr, dass sie es trotzdem versuchten und schließlich füreinander starben. Ich habe wahrscheinlich alle Tränen geweint, die ich zur Verfügung hatte. Aber als sie mir endlich ausgingen, musste ich auch schon wieder aufstehen.

Den ganzen Tag über war ich todmüde. Meine Mutter schlug mittags sogar vor, dass ich mich noch einmal hinlegen sollte, nur für eine halbe Stunde, aber ich lehnte ab. Ich hatte Angst, nach einer halben Stunde noch nicht wieder wach zu werden. Abends fiel ich dann endlich in mein Bett und schlief sofort ein. Ich träumte von Cas.

 

Die Zeit verging und immer wieder tauchte Cas in meiner Nähe auf. Wir unterhielten uns über alles mögliche, Cas erzählte mir von den Dingen, die er außerhalb der Stadt gesehen hatte. Aber über das Buch sprachen wir nie. Ich trug es jetzt immer bei mir, in einer versteckten Tasche, die ich an alle meine Kleider genäht hatte. Es schien mir das sicherste Versteck zu sein und außerdem war es ein schönes Gefühl Cas' Geschenk in meiner Nähe zu wissen. Das war, als wäre er bei mir. Ich las Romeo und Julia immer wieder, so oft, dass ich einige Dialoge bald auswendig kannte.

Manchmal zeigte Cas mir einen Zauber wenn wir uns trafen und versuchte mich zu überreden, ihn nachzumachen, aber ich weigerte mich. Ich war damals einfach noch nicht bereit dazu.

Fragt mich bitte nicht, wie Cas mich immer fand, woher er wusste, wann ich allein war oder wie er es schaffte unentdeckt zu bleiben, aber während all der Wochen, die vergingen gab es keine neuen Meldungen von Blades, die sich im Viertel herumtrieben.

Diese Wochen vergingen schleppend langsam. Ich wartete eigentlich immer nur darauf, wann Cas mir begegnen würde, sorgte absichtlich dafür, dass ich allein war, aber er kam nicht immer. Ich weiß, das ist total lächerlich. Zumindest machte ich meine Hausarbeiten noch, auch wenn ich ansonsten nicht mehr viel zu tun hatte. Ley durfte ich nicht sehen, da sie ja jetzt verheiratet war und ich nicht. Die meisten meiner anderen Freunde hatten keine Zeit oder gingen schon arbeiten. Ich hatte also eine ganze Menge Freizeit und Langeweile, deshalb sehnte ich mich danach Cas wieder zu treffen. Aber mit der Langeweile war es vorbei, als meine Mutter mich an meinen Hochzeitstag erinnerte. Mir blieben nur noch sieben Tage.

 

"Wir müssen noch die Girlanden kaufen gehen und die Servietten. Hast du bei dem DJ angerufen? Und, kann er kommen?" Fragte meine Mutter. Sie war die ganze Zeit total aufgeregt, hatte Angst nicht mehr alles organisiert zu bekommen.

"Ich habe den DJ schon vor Monaten gebucht, dass weißt du doch. Und an seiner Zusage hat sich nichts geändert." Antwortete meiner Vater hinter der Zeitung hervor. Er sah mich an und verdrehte die Augen. Es war bestimmt das dritte Mal, dass meine Mutter diese Frage stellte, deshalb musste ich ein Kichern unterdrücken.

"Luna, du musst das alles ein bisschen ernster nehmen. Es ist deine Hochzeit! Der wichtigste Wendepunkt in deinem Leben und du hast dich noch nicht einmal für ein Farbthema entschieden."

"Mum, wir schaffen das schon. Ley hat auch so kurzfristig angefangen zu planen und ihre Hochzeit war doch auch ganz toll."

"Leyla hat aber nicht den Sohn des meist angesehenen Wylders des Viertels geheiratet. Toll reicht nicht aus und als Mutter der Braut bin ich dafür verantwortlich, dass es großartig wird."

"Mum!" Stöhnte ich genervt. Ich hasste dieses Argument. "So angesehen ist Joshs Vater auch nicht."

"Luna, das will ich nicht gehört haben."

"Entschuldigung." Murrte ich. Meine Laune war am Ende. Ich hatte Cas schon seit fünf Tagen nicht mehr gesehen und so wie es aussieht würde meine Mutter mich bis zu meiner Hochzeit auch nicht mehr aus den Augen lassen.

"Ein Farbthema, jetzt." Forderte sie. Ich stand auf und sah mir die Muster an, die sie bereit gelegt hatte. Willkürlich wählte ich eines aus.

"Das." Meinte ich.

"Bist du sicher? Das ist so blass."

"Mum."

"Ist ja schon gut. Schön, dann können wir ja jetzt die Dekoration besorgen fahren." Sie schnappte sich mein Handgelenk und zog mich mit. Mittlerweile schien es mir unbegreiflich, dass ich mich einmal so sehr auf meine Hochzeit gefreut hatte. Im Moment nervte sie mich eher und mit der Liebe von Romeo und Julia im Hinterkopf und Cas' Bild vor Augen fiel es mir schwer zu glauben, dass die Hochzeit dafür sorgen würde, dass ich Josh liebte. Mein Verständnis für den Begriff Liebe hatte sich längst verschoben.

 

Eines Nachts wurde ich dann plötzlich wach. Etwas hatte gegen mein Fenster geklopft. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich darauf wartete, ob sich das Geräusch wiederholen würde. Als es das tat, atmete ich tief durch und entschloss mich nachzusehen, was es verursachte. Ganz langsam drehte ich mich zum Fenster. Leider war es in meinem Zimmer heller als draußen und ich konnte nicht viel mehr als mein Spiegelbild erkennen.

"Luna? Bist du wach? Mach das verdammte Fenster auf!" Hörte ich. Ich erkannte Cas' Stimme sofort, auch wenn sie eigenartig klang und ich sie durch das Glas hindurch eigentlich gar nicht hätte hören dürfen.

Sofort stand ich auf und öffnete das Fenster. Cas kletterte herein.

"Wie zur Hölle hast du das gemacht?"

"Was?"

"Wie bist du an mein Fenster gekommen?"

"Ein Kletterzauber. Ich habe die Struktur der Wand so verändert, dass es fast so leicht war wie Treppensteigen."

"Das geht?"

"Wie du siehst." Ich dachte einen Moment darüber nach.

"Warum hast du dann nicht einfach das Fenster auch mit Magie geöffnet?"

"Ich wollte dich nicht erschrecken."

"Das ist dir kläglich misslungen." Schnaufte ich, aber ich meinte es nicht ernst. Eigentlich war ich sogar froh, dass er hier war. Als ich zu meinem Bett ging um mich zu setzen, wurde mir das erst so richtig bewusst. Cas war in meinem Zimmer. Mitten in der Nacht. Mein Herzschlag beschleunigte sich, ohne dass ich es hätte verhindern können.

"Tut mir leid."

"Schon okay." Brachte ich heraus. Ich richtete leise mein Bett und setzte mich. Dann machte ich eine Handbewegung, die Cas dazu einladen sollte näher zu kommen. Er zögerte kurz und ich erkannte Unsicherheit in seinen Bewegungen.

"Deine Mutter lässt dich seit Tagen nicht mehr aus den Augen." Meinte Cas während er sich neben mich setzte. Er wahrte dabei ungewöhnlich viel Abstand zu mir.

"Ja. Sie hat Angst, dass ich mich irgendwie verletzen könnte." Ich schnaubte. Das war so lächerlich.

"Sie möchte nicht, dass du mit einem Verband am Kopf heiraten musst, schätze ich."

"Woher weißt du... Ach egal."

"Wann ist die Hochzeit?"

"Am Freitag."

"Also morgen?"

"Morgen?" Ich war für einen Moment verwirrt. Es war doch nicht schon Donnerstag, oder?

"Ja, morgen ist Freitag. Beziehungsweise eher heute, wenn man die Uhr betrachtet." Ich schluckte, konnte nicht antworten. Ich hatte gedacht, dass ich noch ein wenig Zeit hätte. Wo waren die letzten Tage hin?

"Luna? Ist alles in Ordnung?"

"Ja, ja natürlich."

"Du hast Angst." Stellte Cas fest. Zögernd sah ich ihn an.

"Warum sollte ich?"

"Hast du das Buch gelesen?"

"Ja." Was hatte das denn jetzt miteinander zu tun?

"Glaubst du wirklich, dass du mit Josh Michealsen so glücklich wirst, wie Julia mit Romeo?"

"Julia hat sich umgebracht."

"Du weißt was ich meine. Kannst du wirklich noch glauben, dass du dich einfach so in Josh verlieben wirst, nur weil deine Eltern es irgendwann einmal festgelegt haben?"

"Ich, ich muss es glauben." Brachte ich heraus. Cas sah mich an und ich konnte ihm ansehen, dass er auf eine andere Antwort gehofft hatte. Ich wartete darauf, dass er irgendetwas sagte, aber stattdessen beugte er sich urplötzlich vor und küsste mich. Ich sah es nicht kommen und dann lagen seine Lippen schon auf meinen. Weich und warm. Ich konnte gar nicht anders, als den Kuss zu erwidern. Es ging ganz schnell, dann löste er sich auch schon wieder von mir.

"Kannst du es jetzt noch?" Fragte er. Noch immer war er mir so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Wange spüren konnte. Meine Gedanken waren total wirr, nur einer stach heraus: er hat dich geküsst.

Ich wich zurück, brachte so viel Abstand zwischen ihn und mich, wie das Bett zuließ.

"Was hast du getan?" Fragte ich ihn fassungslos.

"Was ich längst hätte tun sollen."

"Du... Du... Bist du nur deswegen hier, um mein Leben zu zerstören?" Fuhr ich ihn an.

"Wie meinst du das?"

Ich senkte meine Stimme wieder. Auf gar keinen Fall durften meine Eltern wach werden. "Seit du mir begegnet bist, ist alles kompliziert. Plötzlich muss ich über Dinge nachdenken, über die ich gar nicht nachdenken dürfte. Und das alles nur wegen dir." Ich spürte wie mir eine einzelne Träne über die Wange rann und wischte sie verärgert weg.

"Das liegt nur daran, dass du endlich erkennst, dass du viel mehr bist, als nur die, die Regierung dir vorschreibt zu sein." Cas stand auf und kam auf mich zu. Ich wich bis zur Wand zurück, doch er folgte mir trotzdem.

"Versteh doch endlich, was du für Möglichkeiten hast." Er hob die Hand und strich mir eine Strähne, die aus meinem Zopf gerutscht war, hinters Ohr.

"Machst du das alles nur, damit ich mit dir komme? Damit ich eine Blade werde?" Erst als ich es aussprach, wurde mir bewusst, wie sehr mich diese Frage beschäftigt hatte. Das war es, wovor ich seit Leylas Hochzeit Angst gehabt hatte: dass ich nur eine von Vielen war.

Cas seufzte. "Nein. Eigentlich... Eigentlich sollte ich nicht einmal hier sein. Eigentlich hätte ich nach der ersten Nacht, die, in der du dich gegen uns entschieden hast, einen Vergessenszauber über dich legen sollen. Aber ich konnte einfach nicht. Ich wollte nicht. Ich wusste, dass ich dich einfach wiedersehen musste."

"Wirklich?" Er kam noch ein Stück näher und legte seine Stirn gegen meine.

"Wirklich." Die Zeit blieb stehen. Ich versank in dem Gefühl Cas zu berühren. Dann legte ich meine Lippen auf seine, ganz vorsichtig. Ich hatte Angst. Einen Kuss durfte man eigentlich nur mit seinem Ehemann teilen. Aber ich konnte einfach nicht anders. Ich wollte nicht Josh, hatte ihn nie gewollt. Ich wollte Cas.

"Ich kann Josh nicht heiraten." Stellte ich fest, als wir uns voneinander lösten. "Sonst werde ich mein Leben lang unglücklich sein." Jetzt konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Plötzlich war alles so klar: was ich wollte und wie ich es beinahe weggeworfen hatte. Was ich tun musste und was ich dafür alles zurücklassen musste. Cas zog mich in seine Arme und strich mir gleichmäßig über den Rücken. Er sagte nichts, bis ich mich vorsichtig von ihm losmachte.

"Hier." Er zog etwas aus seiner Tasche. "Die wollte ich dir noch zurückgeben." Er drückte mir meine alte Haarspange in die Hand. Ich betrachtete sie lange, bevor ich antwortete.

"Ich brauche sie nicht mehr." Ich ging zum Nachttisch und legte sie darauf. Dann zog ich den Gummi aus meinen Haaren und legte ihn daneben bevor ich mich wieder zu Cas umdrehte. "Bring mich zu den Blades." Er kam zu mir und sah mich an.

"Bist du dir sicher?"

"Nein," antwortete ich, "aber ich werde mir nie sicherer sein als jetzt." Cas verstand was ich sagen wollte. Noch einmal drückte er mir einen Kuss auf die Lippen. Schließlich nahm er meine Hand und wir machten uns auf den Weg.

 

So jetzt wisst ihr, wie sich mein Leben so drastisch verändert hat. Ich würde euch ja gerne erzählen, wie Josh geguckt hat, als ich nicht bei der Hochzeit aufgetaucht bin, aber ich war nicht dort, also kann ich es euch nicht sagen.

Ich mache mir bis heute noch Vorwürfe, dass ich meine Eltern einfach so zurückgelassen habe, aber umso mehr Zeit vergeht, umso mehr weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Bei den Blades bin ich glücklicher als je zuvor. Alle haben mich freundlich empfangen und helfen mir dabei, die vielen Zauber zu lernen, von denen ich gedacht hatte, dass ich sie gar nicht beherrsche. Nur Cas' Vater sieht mich manchmal noch schief an, wenn sein Sohn mich berührt, aber wir kommen gut miteinander aus.

Ich wohne allein in einer kleinen Wohnung im Dachgeschoss eines Hauses und auch wenn es eine ziemliche Umstellung war, habe ich mich daran gewöhnt habe, meine Haare offen zu tragen, sogar Hosen zu tragen kommt mir mittlerweile normal vor.

Letztes Wochenende hat Cas mich mit zu dem Ort genommen, von dem aus man die Sterne sehen kann. Er lag neben mir und hat mir die Sternbilder gezeigt, die er kennt. Es war unglaublich schön. Der Himmel erschien mir so viel größer als sonst und die Sterne waren sowieso das Unglaublichste, was ich jemals gesehen hatte. Aber das beste war, dass ich diesen Moment mit Cas teilen konnte.

 

 

 

 

 

 

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